„… und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie“ (Mk 6,13)

Die Krankenölung, die nach dem griechischen Wort euchelaion auch als „Gebetsölung“ bezeichnet wird, ist in den orthodoxen Kirchen ein Gemeindegottesdienst und wird, wenn es der Zustand des Kranken erlaubt, in der Kirche im Idealfall durch sieben Priester vorgenommen. Hierin hat sich die Anweisung des Jakobus (Jak 5,14f.), die Ältesten der Gemeinde sollen zum Kranken gerufen werden, erhalten. Auch die kirchenslawische Bezeichnung Soborovanie (von sobor = „Versammlung“) deutet auf diesen Gemeinschaftsbezug des Sakraments hin.

Der Gottesdienst umfasst drei Teile: die Tröstung, die Segnung des Öls und die siebenmalige Salbung des Kranken. Der erste Teil, die Tröstung, ist eine der Matutin nachgebildete Abfolge von Gebeten. Es wird die Kraft des Öles für die Gesundheit hervorgehoben und die Barmherzigkeit Gottes auf den Kranken herabgerufen. Daraufhin erfolgt das Gebet über das Öl. Abschließend werden Troparien zu Ehren von Heiligen gesungen, die als besondere Fürsprecher in Krankheit gelten. Es sind dies die Apostel Jakobus d. Ä., Jakobus d. J., der heiligen Nikolaus, Demetrios, Kosmas und Damian, der Apostel Johannes und die Gottesmutter. Daran schließt sich die Salbungsfeier an. Gelesen wird zunächst eine passende Perikope aus einem Apostelbrief und den Evangelien. Es folgen eine kleine Bittlitanei und ein ausführliches Gebet, währenddessen der Hauptzelebrant einen Pinsel in das Öl eintaucht und kreuzförmig Stirn, Nase, Wangen, Lippen, Brust und Hände des Kranken salbt. Dazu spricht er: „Heiliger Vater, Arzt der Seele und des Leibes, Du sandtest Deinen einziggeborenen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, der alle Krankheit heilt und vom Tode erlöst. Heile auch Deinen Diener (Deine Dienerin) N.N. von der ihn (sie) umfangenden körperlichen und seelischen Krankheit und belebe ihn (sie) durch die Gnade Deines Christus.“ Dasselbe geschieht noch sechsmal durch die weiteren anwesenden Priester. Nach der letzten Salbung stellen sich die Priester im Kreis um den Kranken. Der Hauptzelebrant legt das geöffnete Evangeliar auf seinen Kopf – das Gebet, das er dabei spricht, betont, dass es nicht seine Hand ist, die er auflegt, sondern „die machtvolle und kräftige Hand, die in diesem Heiligen Evangelium ist“. Abschließend bittet er um die Vergebung der Sünden und Gesundheit für den Kranken.

Wegen seiner Länge ist der Gottesdienst in seiner Vollform nur schwer anwendbar, zudem hat kaum eine Pfarre sieben Priester, die dazu anwesend sein könnten. Für diesen Fall und auch für den Fall, dass das Sakrament nicht in der Kirche, sondern im Haus oder Zimmer des Kranken gespendet werden muss, genügen zwei oder drei Priester, im Notfall auch einer.
In der Regel wird in den orthodoxen Kirchen zumindest an den ersten drei Tagen der Karwoche eine allgemeine Feier der Krankensalbung für alle Gläubigen angeboten, die das wünschen, in griechischen Gemeinden auch während der anderen Bußzeiten des Kirchenjahres. Die rumänisch-orthodoxe Gemeinde in Wien lädt die Gläubigen an jedem ersten Freitag im Monat zur allgemeinen Krankensalbungsfeier in der Kirche ein.

Die orthodoxe Bischofskonferenz ist um den Aufbau der Krankenseelsorge in Österreich bemüht. Das katholische Krankenseelsorge-Sekretariat im AKH unterstützt die griechisch-orthodoxe und die koptisch-orthodoxe Krankenseelsorge. Fernziel sei die Einrichtung einer eigenen orthodoxen Kapelle im AKH, so Dr. Nikolaus Rappert, Ansprechpartner der griechisch-orthodoxen Krankenseelsorge.

Unter den regelmäßig abgehaltenen ökumenischen Gottesdiensten (siehe http://akh-seelsorge.at/oekumene/ökumenische-veranstaltungen-u-gottesdienste) ist der zu Beginn des Studienjahres der Med.UNI Wien rund um den Gedenktag von Kosmas und Damian, der beiden Patrone der Medizinischen Universität Wien seit 1429, stattfindende ökumenische Gottesdienst besonders hervorzuheben. Im Jahr 2019 beginnt die Feier am 26. September um 16 Uhr in der katholischen Kapelle des AKH. Sie setzt die Tradition der unter Kaiser Joseph II. 1782 abgeschafften Patronatsfeste fort, was besonders an der im Rahmen der Feier vorgesehenen Segnung des 1615 gestifteten Wiener Mediziner-Szepters deutlich wird. Es wird bei Promotionen und Sponsionen verwendet und zeigt neben dem Evangelisten Lukas mit seinem Symboltier auch Gravuren der Heiligen Kosmas und Damian.

Kosmas und Damian, Pantaleon, Blasius – „Anagyroi“ aus dem Osten, die auch im Westen verehrt werden

Die bekanntesten unter den „Anagyroi“, den „uneigennützigen“ Ärzten, die für ihre Heilkunst kein Geld nehmen, sind die Zwillingsbrüder Kosmas und Damian. Ihnen ist in Rom eine auf dem Areal des Forums des Kaisers Vespasian stehende, aus dem 6. Jahrhundert stammende Kirche gewidmet (SS. Cosma e Damiano). Papst Gregor der Große (590-604) veranlasste die Überführung der Reliquien der beiden Brüder in diese Kirche. Unter Papst Felix IV. (526-530) entstand das große Apsismosaik, das zu den bedeutendsten frühchristlichen Kunstwerken in Rom zählt. In der Mitte erscheint Christus, flankiert von Petrus und Paulus, die Kosmas und Damian (mit Lorbeerkränzen als Zeichen ihres Martyriums) zu ihm hin geleiten.

Ikone Kosmas und Damian

Die Zwillingsbrüder Kosmas und Damian sind auf der Ikone im AKH in Wien als vornehm gekleidete Ärzte mit Salbentiegel und Spatel zum Mischen oder Auftragen der Salbe dargestellt.

Der Überlieferung nach stammen die beiden Brüder aus der Gegend von Ephesos, lebten aber später in Nordsyrien, wo bereits 458 in Pheran bei Kyrrhos eine Kultstätte bezeugt ist. Sie waren Ärzte, behandelten Menschen und Tiere kostenlos und bekehrten dadurch viele zum christlichen Glauben. In der Verfolgungszeit unter Kaiser Diokletian sollen sie zu Tode gemartert worden sein. Sie sollen bei ihrem Prozess auf die Frage, warum sie unentgeltlich Kranke behandelten, geantwortet haben: „Unser göttlicher Meister hat uns geboten, umsonst zu geben, was wir umsonst empfangen haben.“ Ihr Gedenktag ist im Osten der 1. Juli bzw. der 1. November, im Westen der 26. September. Ihre Verehrung verbreitetete sich über Edessa, Aleppo, Jerusalem nach Konstantinopel und Rom.

Unter den auch im Westen verehrten „Anagyroi“ sind ferner zu nennen: Pantaleon (Panteleimon), aus Nikomedien stammender Arzt (Gedenktag 27. Juli) und Blasius, Arzt und Bischof in Sebaste, Kleinarmenien (Gedenktag 3. bzw. 11. Februar), die beide am Anfang des 4. Jahrhunderts das Martyrium erlitten und in die Reihe der 14 Nothelfer aufgenommen wurden.

Hanns Sauter