Zum Tod von Prälat Leonhard Lüftenegger

Am 14. Oktober 2006 starb in Salzburg in seinem 94. Lebensjahr der Apostolische Protonotar Prälat Leonhard Lüftenegger. Für die Catholica Unio (Andreas-Petrus-Werk) Österreich ist sein Tod Anlass, seiner besonders zu gedenken, denn er war es, der das Päpstliche Ostkirchenwerk durch seine Bereitschaft zur Mitarbeit über eine bedrohliche Krise hinweg gerettet hat.

In: „Der Christliche Osten” 62 (2007) Nr. 1

lueftenegger

Leonhard Lüftenegger wurde am 4. November 1912 in einer kinderreichen Familie in Tamsweg in Österreich geboren. Gymnasium und Studium der Philosophie und Theologie absolvierte er in Salzburg und wurde am 15. Juli 1937 in der Wallfahrtskirche St. Leonhard zum Priester geweiht. Schon während seiner Studienzeit gründete er die Theologenzeitschrift „Die Freiwilligen Gottes”. In der beginnenden Zeit der Naziherrschaft war das ein mutiges Unterfangen. Parallel zu den Salzburger Hochschulwochen organisierte er damals zusammen mit siebzig Studenten anderer Seminare Zusammenkünfte, was den Machthabern mit Sicherheit höchst verdächtig war. Gerade mal zwei Jahre nach der Weihe konnte er als Seelsorger in der Pfarrei Adnet wirken, dann wurde er zum Kriegsdienst eingezogen. Am Ende des Krieges geriet er in amerikanische Gefangenschaft. Kaum daraus entlassen, stürzte er sich mit Feuereifer in die Seelsorge. Besonders kümmerte er sich um die Jugend. Der Aufbau der Jungschar war sein Element. Obwohl noch jung an Jahren, betraute ihn der Erzbischof schon 1945 mit dem Amt des Dompredigers. Der Jugend blieb er weiter als Diözesanjugendseelsorger verbunden. Von 1964 bis 1980 übertrug ihm Erzbischof Karl Berg die Leitung des Priesterseminars. Die Priesteramtskandidaten jener Jahre erinnern sich an ihn als einen klugen, offenen Priester mit einem warmen Herzen, der für sie ein echter geistlicher Vater war. Während dieser Zeit übernahm er auch die Leitung des Päpstlichen Ostkirchenwerkes Catholica Unio, das 1924 in Österreich seinen Anfang genommen hatte und durch die Kriegsereignisse fast zum Erliegen gekommen war. Seinen Erzbischof Karl Berg konnte er als Nationalpräsident dieses Werkes für Österreich gewinnen, sodass Salzburg zu einem Zentrum ostkirchlicher Aktivitäten in Österreich wurde und es bis heute geblieben ist. Nach seinem Ausscheiden aus dem Priesterseminar wirkte Leonhard Lüftenegger hauptsächlich als Bischofsvikar für Orden und priesterliche Berufe, als Domdechant und als Dompfarrer „ex currendo”. 1989 trat er in den verdienten Ruhestand, was ihn aber nicht hinderte, noch viele weitere Jahre in der Seelsorge zu helfen. Bis zum Morgen seines Todestages am 14. Oktober 2006 war er geistig hellwach, zelebrierte noch die heilige Messe, legte sich dann zu Bett und entschlief in Frieden. Am 20. Oktober wurde im Salzburger Dom das Requiem für ihn gefeiert. Anschließend wurde er in der Gruft des Domkapitels im Petersfriedhof beigesetzt.

Die Generalversammlung der Catholica Unio internationalis, die sich Ende Oktober in Salzburg versammelte, feierte zu seinem Gedächtnis in der St.-Markus-Kirche eine Liturgie im byzantinischen Ritus. Der Hauptzelebrant, Archimandrit Gregor Hohmann OSA, hielt bei dieser Feier folgende Ansprache:

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Gregor Hohmann OSA

Am letzten Freitagvormittag erreichte mich in Würzburg die Nachricht, dass der Priester Msgr. Leonhard Lüftenegger im Alter von 94 Jahren in Salzburg verstorben sei. Ich war über diese Nachricht sehr traurig, und zwar nicht nur über den Verlust, den sein Tod für uns alle bedeutet, sondern traurig, dass mich die Nachricht so spät erreichte. Seit Jahren hatte ich mir vorgenommen: Wenn Leonhard Lüftenegger einmal sterben sollte, dann werde ich bei seiner Beisetzung dabei sein, denn kaum einen anderen Österreicher habe ich mehr geschätzt als ihn. Dass ich heute, wenige Tage nach seiner Beisetzung hier sein darf, um dem Gottesdienst im byzantinischen Ritus zu seinem Gedächtnis vorzustehen, tröstet mich ein wenig.

Leonhard Lüftenegger war mein erster Ansprechpartner, als ich 1976 zum ersten Mal nach Salzburg kam, um im Priesterseminar Einkehrtage zum Thema Ostkirche zu halten. Ich war tief beeindruckt, mit welcher Herzlichkeit und Natürlichkeit er mich empfing. Er, der viel Ältere, begegnete mir dem Jüngeren mit Respekt und Liebenswürdigkeit und bot mir gleich ohne weitere Umschweife das Du an. Aus dieser Begegnung wurde bald eine echte Freundschaft. Ich möchte es als eine väterliche Freundschaft bezeichnen, denn für mich, der ich meinen Vater durch den Krieg schon im Alter von acht Jahren verloren hatte, war er so etwas wie ein Vater, denn er war nur drei Jahre jünger als mein leiblicher Vater.

Als Vater erlebte ich ihn auch, wenn ich im Priesterseminar wohnen durfte. Die Seminaristen von damals sahen in ihm wohl ebenfalls mehr den Vater als den gestrengen Regens. Sein Vorbild hatte Leonhard Lüftenegger sicher an seinem damaligen Erzbischof Karl Berg, der nach meinem Eindruck ebenfalls eine echte Vaterfigur war. Erzbischof und Regens des Priesterseminars als Vaterfiguren – welch ein Glücksfall für den Priesternachwuchs und somit für das ganze Bistum. Noch für eine andere Gruppe war Lüftenegger ein Glücksfall, nämlich für das päpstliche Ostkirchenwerk Catholica Unio. Er sah, dass dieses Werk in Österreich nach dem Tod von Anton Zollitsch vor dem Ende stand, weil es an einer entschlossenen Führung fehlte. Deshalb erbot er sich, zunächst ad interim, später hauptamtlich, die Leitung dieses Werkes zu übernehmen. Den Erzbischof Berg konnte er als Landespräsidenten der Catholica Unio gewinnen. Damit war der Grund gelegt, auf dem andere bis zum heutigen Tag weiterbauen können und es auch tatkräftig tun. Auch in dieser Aufgabe blieb Leonhard Lüftenegger ein Vater. Für viele orthodoxe und griechisch-katholische Studenten war er ein väterlicher Berater und Ansprechpartner.

Der Umgang mit jungen Menschen durchzog sein ganzes Leben wie ein roter Faden: als Jungscharseelsorger, als Diözesanjugendseelsorger, als Regens, als Bischofsvikar für geistliche Berufe. Viele junge Menschen verdanken ihm den Glauben und die geistliche Berufung. Er verdankte umgekehrt der Jugend, dass er bis ins hohe Alter jugendlich frisch und allem Neuen aufgeschlossen blieb. Mit dem Spruch „Früher war alles besser” konnte man ihm nicht kommen. Gegen enge, ängstliche und rückwärts gewandte Tendenzen konnte er mit erstaunlicher Leidenschaft kämpfen, wie seine Memoiren zeigen, die vor einigen Jahren wegen ihrer Ehrlichkeit Aufsehen erregten.

Woher hat Leonhard Lüftenegger die Kraft genommen, um ein so langes Leben in Treue zu seiner Berufung zu leben und in vollendeter Würde zu sterben? Bis in die Einzelheiten hat er alles für den Tag seines Sterbens und seiner Beerdigung vorbereitet. Die Antwort auf die Frage nach seiner Kraft gibt er uns selber, wenn er auf die Traueranzeige schreiben lässt: „Gott hat mir ein fröhliches Herz gegeben, darum will ich ihn auch fröhlich loben”.

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Beim Tode eines lieben Menschen kommt Schmerz auf, wie bei jedem Freund, der fortgeht. Schmerz ist menschlich und verständlich. Aber übermäßige Trauer ist ein Zeichen von Unglauben. Ein in Frieden mit sich und mit Gott Verstorbener würde uns nur zu gern zurufen: „Sagt meinem Tod, dass er bei mir offene Türen eingerannt hat”, oder um es mit den Worten der Totenpräfation zu sagen, die Leonhard oft gesungen hat: „Deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben nicht genommen, nur gewandelt.” Wir dürfen sicher sein, dass Leonhard Lüftenegger weiterlebt als von Gott Gewandelter, der es jetzt besser hat als wir alle zusammen.

Ewiges Gedenken!