„Ich vergesse dich nicht“ (Jes 49,15)
Zum Internationalen Tag der Senioren und Großeltern am 26. Juli 2026
„Der liebe Gott hat mich vergessen – und die Menschen auch!“ Oft kommt noch ein Nachsatz wie: dabei habe ich doch so viel für andere Leute (die Pfarre, die Kirche, im Seniorenklub….) getan. Seelsorgerinnen und Seelsorger in Senioreneinrichtungen, Kommunionspender, Mitarbeiterinnen von Besuchsdienst-Teams der Pfarren hören diesen oder einen ähnlichen Satz öfters.

Joachim und Anna, die Eltern der Gottesmutter, haben auch so empfunden. Im Protoevangelium des Jakobus lesen wir genaueres dazu. Anna litt unter ihrer Unfruchtbarkeit und beide darunter bis ins Alter keine Kinder zu haben, obwohl – so der Text – beide aufrichtig, gottesfürchtig und großzügig zu den Armen waren. Kinderlosigkeit wurde als Strafe Gottes für unbekannte Sünden gedeutet. Joachim, ein reicher Herdenbesitzer, musste das bitter und auf eine entwürdigende Weise erfahren. Als er im Tempel ein Opfer bringen wollte, wurde er von anwesenden Männern, die ebenfalls opfern wollten, so beschimpft, dass er sich, ohne sich von seiner Frau Anna zu verabschieden, in die Wüste zurückzog – solange, bis Gott in rehabilitierte. Anna glaubt, er sei umgekommen und betrauert in ihrem Haus und ihrem Garten ihr Schicksal. Witwe und kinderlos zu sein, war der schlimmste Schicksalsschlag für eine damalige Frau. Sie dachte in ihrem Garten über ihr Schicksal nach. Ein Sperlingsnest, das sie in einem Lorbeerbaum sah, inspirierte sie zu einem erschütternden Klagelied. Während sie dies sang, kam ein Engel zu ihr und verhieß ihr die Geburt eines Kindes. Zur gleichen Zeit kam ein anderer Engel zu Joachim, verhieß auch ihm ein Kind und schickte ihn zu Anna zurück. Anna spürte, dass Joachim auf dem Weg zu ihr war und erwartete ihn bereits. Im Text heißt es: „Anna stand an der Tür und sah Joachim kommen. Da lief sie, hängte sich an seinen Hals und sagte: Jetzt weiß ich, dass der Herr Gott mich reichlich gesegnet hat. Denn siehe, die Witwe ist keine Witwe mehr, und ich kinderlose soll schwanger werden. Und Joachim gab sich den ersten Tag der Ruhe hin in seinem Hause.“ Am anderen Tag brachte er unbehelligt seine Gaben im Tempel dar und „er ging hinaus aus dem Tempel des Herrn gerechtfertigt und kehrte heim in sein Haus.“ Nach neun Monaten gebar Anna Maria.
Auf einer sehr ausdrucksvollen Ikone sind drei dieser Begebenheiten dargestellt. Rechts oben steht Anna unter dem Lorbeerbaum mit dem Sperlingsnest in ihrem Garten. Anna hat gerade ihr Klagelied gesungen, als ein Engel zu ihr kommt und ihr die Botschaft von ihrer bevorstehenden Schwangerschaft zu überbringen. Anna schaut mit gespannter Mine zum Engel und streckt ihre Arme zu ihm hin – ein Zeichen von Freude und Bereitschaft. Sie wird sich der Bedeutung seiner Worte bewusst und steht wieder aufrecht da. An ihr zeigt sich, was ihr Name Anna oder Hanna bedeutet: Gnade. Links steht Joachim auf felsigem Wüstenboden, seine bloßen Füße deklarieren ihn als Büßer. Auch zu ihm kommt ein Engel. Beide Engel haben das gleiche Aussehen und die gleiche Haltung, denn sie überbringen Anna und Joachim, die voneinander getrennt sind, dieselbe Botschaft. Selbstbewusst und mit aufmerksam-gelöstem Gesichtsausdruck schaut Joachim zum Engel und streckt – wie schon Anna – seine Arme zu ihm aus. Die Botschaft, die er von ihm hört, gibt ihm wieder Freude am Leben richtet ihn auf. Sein Name Joachim, hebräisch Jojakim, bedeutet nicht zufällig: Gott richtet auf.
Das Zentrum der Ikone ist das Zusammentreffen von Anna und Joachim „an der Tür“. Sie umarmen sich innig. Ihre Umarmung deutet an, dass in Annas Leib Maria zu leben begonnen hat. Nach einer anderen Überlieferung, dem Evangelium des Pseudo-Matthäus erwartet Anna Joachim nicht an ihrer Haustüre, sondern wurde vom Engel an die „Goldene Pforte“, auch „schöne Pforte“ des Tempels geschickt, wo sie ihn treffen sollte. Der aufwändige Gestaltung des Tores, an dem sich Joachim und Anna nach Darstellung dieser Ikone treffen, sowie die Mauer und das Kuppelgebäude dahinter zufolge gibt der Maler diese Überlieferung wieder. Joachim und Anna sind daran wesentlich beteiligt, dass Gottes Heilsplan Wirklichkeit wird. Ihnen wurde nicht irgendeine Tochter geschenkt, sondern die „Mutter Gottes“, denn Maria wiederum sollte Jesus zur Welt bringen.
„Ich vergesse dich nicht“, lautet das Motto des diesjährigen Tages der Senioren und Großeltern. Die Geschichte von Joachim und Anna ist dazu wie eine Erläuterung. Sie lädt alle, die unter einer schwierigen Situation leiden, ein, sich darauf zu besinnen, dass Gott ein Gott ist der „da“ ist und der „mitgeht“. Oft fordern Einsamkeit, Schmerzen, Altersbefindlichkeiten oder ungelöste Probleme alle Kräfte eines Menschen. Die aktuelle Situation verstellt oft Blick auf anderes, Positives, auf das was im Leben gelungen ist. Bei Joachim und Anna war dies sicher ein großer Wohlstand, eine gute Ehe, ein gemeinsames Glaubensleben. Gott war in alledem mit ihnen. Er war aber auch mit ihnen in den Situationen, an denen sie litten, die andere Menschen zu Vorurteilen und Verurteilungen veranlassten. Er hat ihnen Kraft gegeben, damit zu leben und – bevor die Situation eskalierte – für eine Veränderung gesorgt. „Im Stillhalten und Vertrauen liegt eure Kraft“ sagt Jesaja an anderer Stelle. (Jes 30,15) Stillhalten im Sinne von Aushalten, Ertragen, Durchhalten. Dies passt durchaus zu Klagen, Jammern, Betrauern usw., denn es geht einfach um eine Situation, die man sich nicht wünscht. Wer hier das Seine tut, den lässt Gott nicht alleine. Die Möglichkeiten, die er gibt, um damit leben zu können, sind vielfältig. Oft sind sie so auf den Einzelnen zugeschnitten, dass er sie selbst erst herausfinden muss und deshalb auch für den Außenstehenden nicht gleich zu erkennen. Hier soll nochmal auf den Sperling, der im Jakobusevangelium erwähnt und auf der Ikone gemalt ist, eingegangen sein. Sperlinge – Spatzen – galten als wertlos. Jesus aber sieht in ihnen ein Zeichen der Fürsorge Gottes: „Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen.“ (Mt 10, 32) Der Beistand Jesu, des Retters aus aller Not, ist also gewiss.
Zum Nachdenken, darüber reden und zum Beten:
- Unter welcher Situation leide ich besonders?
- Wie ist es – glaube ich – dazu gekommen?
- Gelingt es mir, gelingt es mir nicht, damit zurecht zu kommen? Warum? Warum nicht?
- Sehe ich einen Zusammenhang mit meinem Glauben?
- Gibt mir mein Glaube Kraft, damit umzugehen? Wie zeigt sich das?
- Was kann ich aus meiner Erfahrung anderen Menschen mitgeben?
- Was ist hier Grund zu Lob, Dank und Bitte?
Der Text des Protoevangeliums des Jakobus ist im Internet abrufbar. Hier wurde verwendet: Erich Weidinger, Die Apokryphen. Verborgene Bücher der Bibel. Augsburg 1988.
Text: Hanns Sauter
