„Zu Mose und zu den anderen Propheten sende ich dich…”

Das Fest „Begegnung des Herrn“ und seine Hymnen als Anregung für die Altenpastoral

In: „Der Christliche Osten” 67 (2012) Nr. 1
von Hanns Sauter

Begegnung des Herrn

Am zweiten Februar feiert die Kirche im Westen das Fest „Darstellung des Herrn“. Der christliche Osten nennt dasselbe Herrenfest „Begegnung“ und legt damit den Akzent auf die im Tagesevangelium Lk 2, 22–39 geschilderte Begegnung zweier alter Menschen mit Jesus im Tempel. Heilsgeschichtlich geht es um die Ablösung des Alten Bundes durch den Neuen. Simeon und Hanna, die Symbolgestalten des Alten Bundes, erkennen in Jesus den verheißenen Erlöser, mit dessen Kommen der Neue Bund beginnt. Die Hymnen, die an diesem Fest in den Gottesdiensten der Ostkirche gesungen werden, reflektieren diesen heilsgeschichtlichen Aspekt, machen darüber hinaus aber auch Aussagen über den alten Menschen.(1) Diese sind zwar keine erschöpfende Theologie des Alters, bewegen sich aber um Fragen, die sich Menschen im Alter stellen: Worin bestehen Sinn und Wert meines Lebens? Was kommt nach dem Tod? Was bedeutet es, dem Herrn zu begegnen? Das Evangelium schildert Simeon und Hanna als Propheten. Das führt zur Frage, ob alte Menschen auch heute eine prophetische Aufgabe wahrnehmen.

Prophet in der Bibel

Die Prophetinnen und Propheten der Bibel sind – im Gegensatz zu weit verbreiteten falschen Vorstellungen – keine Wahrsager. Sie treten auf im Auftrag Gottes, um den Menschen aufzuzeigen, wo sie ihren Weg mit Gott verlassen haben, appellieren an den Einzelnen umzukehren und sich neu auf Gott auszurichten. (Ez 2, 5ff; 3, 5ff) In einer Welt, die glaubt ohne Gott auszukommen, sind sie Störfaktoren. Für Paulus gehört das Prophet-Sein zu den Diensten des mystischen Leibes Christi, die für das Leben der Kirche konstitutiv sind: „So hat Gott in der Kirche die einen als Apostel eingesetzt, die anderen als Propheten, die dritten als Lehrer…“ (1 Kor 12, 28) Ein Prophet ernennt sich nicht selbst zum Propheten, sondern ist von Gott dazu gerufen, um eine Botschaft zu verkünden, gleich, ob man sie hören will oder nicht. Diese Berufung bedeutet für den Gerufenen durchaus eine Belastung und ein Durchkreuzen seiner Lebenspläne. Manchmal ist er sich über sein Prophetentum auch gar nicht so recht im Klaren.(2)

Gottesdienstliche Texte der Ostkirche zu Simeon und Hanna

Der prophetische Dienst von Simeon und Hanna ist, im Volk Israel die Hoffnung auf den Erlöser am Leben zu erhalten. Simeon ist verheißen, dass er erst sterben werde, wenn er den Erlöser geschaut habe. In diesem Dienst ist er alt und müde geworden. Sehnsüchtig wartet er auf den Augenblick, an dem er dem Erlöser begegnen würde, um aus der Welt scheiden zu können. Als Jesu in den Tempel gebracht wird, spürt er, dass dieser Augenblick da ist: „Den Heiligen brachte die Heilige zum Tempel dem Priester des Tempels. Simeon streckte seine Arme aus, um voll Freude ihn zu empfangen…“ (Vorfeier, Aposticha, 2. Ton) „Vom Geist in den Tempel geführt, nimmt der Greis den Herrn des Gesetzes auf seine Arme und ruft: Nun löse mich aus den Fesseln des Fleisches nach deinem Wort in Frieden…“ (Matutin, Exapostilarion) Die Begegnung macht Simeon so froh, dass die Umstehenden nach dem Grund dieser Freude fragen: „Sage uns, Simeon, was trägst du auf den Armen im Tempel, dass du so fröhlich bist? Zu wem sprichst du und rufst aus: Nun bin ich frei geworden, denn ich habe den Heiland geschaut?“ Simeon antwortet: „Dieser ist der aus der Jungfrau Geborene, dieser ist Gottes Wort aus Gott, Fleisch geworden wegen uns, der die Menschheit erlöst..“ (Vesper, Stichiren zu Ps 140, 1. Ton) Die Begegnung mit Jesus bedeutet für Simeon zweifache Freude. Als Vertreter Israels empfindet er die Freude über Gott, der seine Verheißungen erfüllt und für sich selbst die Freude, nun von seinem für ihn mühsam gewordenen Dienst abberufen zu werden. Denn daraus entlassen kann ihn nur der, der ihn dazu berufen hat: „…und da die Erfüllung der Verheißung er gekommen sieht, ruft voll Freude er mit lauter Stimme:…entlasse deinen Diener aus den Fesseln dieses Leibes ins unvergängliche, unendliche und wunderbare Leben und schenk der Welt das große Erbarmen.“ (Große Vesper, Bittgang, 1. Ton)(3) Simeon hält das Erlöserkind in den Händen und trägt ihm sein Anliegen vor: „Das Leben haltend in den Händen bittet er um die Lösung vom Leben…“ (Vesper, Aposticha) „Und nun entlass’ deinen Knecht aus den Banden des Leibes zu dem nie alternden, wunderbaren, unendlichen Leben, du, der du der Welt das große Erbarmen schenkst.“ (Liti, Tropar, 2. Ton) Die Begegnung mit Jesus bewirkt aber, dass er sein Leben auf eine neue Basis gestellt sieht: „Werdet wieder stark, ihr Hände des Simeon, geschwächt durch das Alter. Und ihr Knie des Greises, lauft geradewegs auf die Begegnung mit Christus zu.“ (Kanon, 1. Ode) Simeon fühlt sich stark genug für eine neue – alte – Aufgabe. Er bittet Jesus, ihn in das Totenreich zu senden, wo die Gerechten seit Adam auf den Erlöser warten. Ihnen möchte er ankündigen, dass der Messias auf die Erde gekommen ist, mit seinem Erlösungswerk bereits begonnen hat und somit ihre Rettung aus dem Totenreich kurz bevorsteht: „Du hast mir erwiesen die Freude deines Heiles, o Christus, rief Simeon aus. So mache nun aus deinem Anbeter, der im Schatten des Gesetzes ermüdete, einen neuen Verkünder, geheiligt durch deine Gnade, der dich verherrlicht in seinen Gesängen.“ (Matutin, Tropar) Simeon möchte „eilends Adam erfreuen, der im Hades eingeschlossen ist und… Eva die frohe Botschaft verkünden“, die lautet: „dass als Menschenkind ich den urewigen Gott gesehen, den Erlöser der Welt.“ (Kanon, 7. Ode; Vesper, Aposticha) Jesus erfüllt diesen Wunsch und beauftragt den Greis, den von ihm auf Erden ausgeübten Verkündigungsdienst neu wahrzunehmen. Er sendet ihn zu den bereits Verstorbenen, die in der „ewigen Ruhe“(4) auf die Erlösung warten um ihnen anzukündigen, dass sich ihr Schicksal bald wendet: „Der König der Himmelskräfte erhörte die Bitte des Gerechten und sprach unsichtbar: Nun, mein Lieber, entlasse ich dich aus der Vergänglichkeit zu den ewigen Gefilden. Zu Moses und den anderen Propheten entsende ich dich; du aber künde ihnen, dass ich, den sie in den Weissagungen prophezeien, wahrhaft gekommen bin und aus der Jungfrau geboren wurde, wie jene es vorhersagten. Ich zeigte mich den Erdenbewohnern und verweilte bei den Menschen, wie sie es kündeten. Bald aber komme ich dir nach, auf dass ich alle erlöse, ich, der allein die Menschen liebt. (Kontakion)(5)
Im Gegensatz zu Simeon erwähnt das Evangelium Hanna nur mit wenigen Worten, die Hymnen nennen sie nur einige Male, betonen aber ihre Rolle als Prophetin: „Die gotterfüllte Hanna und Simeon, der Allreiche, beide glänzen sie mit prophetischer Gabe, beide wandeln sie untadelig nach dem Gesetz. Nun dürfen sie den Geber des Gesetzes schau’n, der als Knäblein uns erschienen ist und sie fallen vor ihm nieder.“ (Nachfeier, 3. Febr. 4. Ton) Hanna ist die einzige Frau, die im Neuen Testament Prophetin genannt wird. Sie steht damit in einer Reihe mit den anderen Prophetinnen und Propheten der Bibel.(6) Das Evangelium sagt über sie: „Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten.“ (Lk 2, 37) Als Witwe hatte Hanna zu jener Zeit vom Leben nicht viel zu erwarten. Gott bei „Tag und Nacht“ dienen bedeutet, dass er die Mitte ihres Lebens und ihres Alltags und ihr Leben deshalb ein Zeichen für Gott ist. Hanna erkennt die Bedeutung des Kindes Jesus. Ihre prophetischen Worte überliefert das Evangelium nicht, vielleicht, weil denen des Simeon nichts mehr hinzuzufügen ist.

strong>Die Botschaft von Simeon und Hanna

Gott erfüllt seine Verheißungen

Simeon und Hanna unterscheiden sich von vielen ihrer Zeitgenossen. Sie sind davon überzeugt, dass Gott seine Zusagen und Verheißungen erfüllt und halten an dieser Überzeugung ihr Leben lang fest. Die Bibel charakterisiert solche Menschen mit den Worten „fromm“, „gottesfürchtig“ und „gesetzestreu“. „Fromm“ bedeutet „lebenstüchtig“, „gottesfürchtig“ besagt, dass sie Gott den ersten Platz in ihrem Leben einräumen und „gesetzestreu“ dass sie aus dem Glauben leben. Ein solcher Glaube war auch damals nicht selbstverständlich. Ihr Leben aus dem Glauben macht sie zu Wegweisern, zu Propheten.

Für Gott offen sein

Im Volk Israel gab es viele Vorstellungen vom Messias und entsprechend viele Erwartungen. Simeon und Hanna machen sich kein Bild vom Messias; sie warten, bis ihnen der Heilige Geist ihn offenbart. So bleiben sie offen für eine Gottesbegegnung, mit der niemand gerechnet hat, der Begegnung mit Jesus als einem kleinen Kind. Gottes Wege zu den Menschen sind anders, als sich Menschen denken. Wer nur seine eigenen Vorstellungen von Gott gelten lässt, geht an Gott vorbei.

Gott in die Mitte holen

Simeon und Hanna erkennen im Kind Jesus – das sicher eines unter vielen anderen Kindern war, das in den Tempel gebracht wurde – den Erlöser. Der Tempel war Mittelpunkt des weltlichen und geistlichen Lebens von Jerusalem. Mitten im öffentlichen Getriebe, in einer Atmosphäre, wo andere nicht mit Gott rechnen, treffen sie auf ihn und bezeugen ihn in aller Öffentlichkeit. Was für andere kein Thema ist, ist für sie selbstverständlich: Gott ist da. Gott ist bei den Menschen.

Sich auf Zukunft ausrichten

Simeon und Hanna kleben nicht an der Vergangenheit. Sie trauern nicht früheren Zeiten nach, finden sich aber auch nicht mit dem ab, was um sie herum geschieht. Sie sprechen über den Messias weil sie sich von ihm etwas erwarten, sowohl für alle Menschen, als auch für sich selbst. Sie sprechen über diese Erwartungen und gestalten damit – ausgehend von den Erfahrungen der Vergangenheit – Gegenwart und Zukunft mit. Dabei sagen sie auch, dass die für die Zukunft wichtigen Dinge oft unbemerkt von der Menge und im Kleinen geschehen.

Nach Gottes Willen leben

Simeon und Hanna leben nach dem Willen Gottes. Dies bedeutet nicht, dass er sie gegen ihren Willen zu etwas zwingt, sondern dass sie zu dem werden, was sie in Gottes Augen sein sollen. Die Aufgabe, die sie ausfüllen, gibt ihrem Leben Sinn und ist für andere Menschen bedeutsam. Daher ist sie Teil des göttlichen Heilsplanes. Simeon, dessen Aufgabe auf Erden war, den Messias anzukündigen, soll dies auch im Totenreich fortsetzen und zwar in einer noch engeren Beziehung zu Jesus. Der Mensch ist und bleibt einzigartig – auch nach dem Tod.

Auf die andere Seite des Lebens verweisen

Die Frage was nach dem Tod kommt, stellt sich – wie allen Menschen – auch Simeon. Die Hymnen sagen, dass er sie nicht verdrängt, sondern sich damit auseinandersetzt. Er hofft auf den Schöpfer und kann deshalb seine Vergänglichkeit akzeptieren. Tot ist, wer sich von Gott abwendet. Wer Gottes Nähe sucht, bleibt wach bis ins hohe Alter und voll Leben nach dem Tod.

Die Vollendung erwarten

Daraus lässt sich eine weitere Botschaft des Simeon ableiten: Jesus ist da – wie immer das Ende des Lebens auch sein mag. Die Begegnung mit ihm mag schmerzhaft sein, weil sei Schwächen und Fehler offen legt, ist aber dadurch eine Begegnung, die heilt und neue Lebensperspektiven eröffnet. Wer Jesus begegnet hat Zukunft, sagt das tiefsinnige Symbol des Kindes. Es steht für den Menschen, dem die Zukunft offen steht. Mit Jesus beginnt eine neue Zukunft für alle, die auf ihn warten. Aus dieser Freude kann Simeon sein Loblied singen.

Der Glaube nimmt Angst

Simeon und Hanna antworten auf die Frage: „Was kommt nach dem Tod?“, schlicht und einfach: „Gott“. Sie sagen aber gleichzeitig, dass sich vor dieser Begegnung niemand zu fürchten braucht, vorausgesetzt die Beziehung zu ihm hat während des Lebens gestimmt. „Begegnung“ bedeutet nicht „Gericht und Verdammnis“ sondern „Segen und Heil“.(7)

Gott spricht durch alte Menschen

Was würde fehlen, wenn es alte Menschen nicht gäbe?

Simeon und Hanna sind den Menschen in ihrer Umgebung aufgefallen, vielleicht als „fromme“ oder „komische“ Alte, die niemand recht ernst nehmen, vielleicht als Störfaktoren, die Fragen aufwarfen, von denen die Mehrheit nichts hören wollte, weil sie lieber andere Ideale verfolgte. In Wirklichkeit aber antwortet Gott durch die Simeon und Hanna auf Glaubens- und Lebensfragen. Im Blick auf die Gegenwart stellt sich die Frage: was wird heute verdrängt? Unsere Welt huldigt dem Ideal von Jugendlichkeit, Schönheit und Schnelligkeit, von Wirtschaftlichkeit, Leistung und Erfolg. Alte Menschen, vor allem wenn sie auf Betreuung und Pflege angewiesen sind, stören in einer solchen Welt. Legt sich hier nicht der Gedanke nahe, dass Gott durch die wachsende Zahl alter Menschen etwas sagen möchte? Vielleicht sind es gerade die an ihnen so gefürchteten Altersbefindlichkeiten, mit denen er eine Botschaft verbindet. Da Gott letzter Sinn ist, können seine Ebenbilder – gleich welchen Aussehens und welcher Verfassung – nicht ohne Sinn sein. Gibt es zu dieser Frage Anhaltspunkte aus der Bibel?

Gebrechlichkeit – die Relativierung von Leistungsdruck

Gebrechlichkeit passt nicht in unsere Vorstellung vom aktiven und gesunden Leben. Gebrechlichkeit bessert sich nicht, gebrechliche alte Menschen werden als Belastung empfunden und der Wert gebrechlichen Lebens in Frage gestellt. Gebrechlichkeit verweist aber darauf, dass menschliches Leben grundsätzlich „gebrochenes Leben“ ist. Jüngere und ältere Menschen sehen sich einem ungeheuren Leistungsdruck ausgeliefert, unter dem sie oft zerbrechen. Alte Menschen in ihrer Gebrechlichkeit führen vor Augen, dass es weder möglich noch notwendig ist, allen Wünschen und Erwartungen nachzukommen. Die Psalm 31 spricht vom „Schwinden der Kräfte“ und drückt die Hoffnung auf Gott aus, der seine Getreuen behütet. Paulus versteht menschliche Schwäche als Erweis göttlicher Größe und Stärke und vertritt die Meinung, in der menschlichen Schwäche zeige sich die erlösende und heilende Macht Gottes. (1 Kor 1,25–27; 2 Kor 13,4) Ist die große Zahl gebrechlicher alter Menschen Zeichen, dass die Welt immer mehr zerbricht, dass sie sich selbst nicht heilen kann und sich daher neu der heilen Kraft Gottes anvertrauen sollte?

Endlichkeit – die Intensität des Lebens

Endlichkeit besagt, dass Lebewesen und Dingen ein Ende haben. Dies erfahren wir im Leben immer wieder: wir spüren, dass die Zeit vergeht, dass unsere Ressourcen begrenzt sind, dass sowohl die schönen wie auch die schweren Stunden vergehen. An ein Ende knüpft sich vielfach Hoffnung. Endlich leben heißt, das Leben mit all seinen guten und schlechten Seiten zu spüren, bedeutet aber auch im Vertrauen zu leben, dass es ein Macht gibt, die sich dann zeigt, wenn ich mit meinen Kräften, mit meinem Denken und Planen am Ende bin. Für den glaubenden Menschen liegt jedes Ende in Gottes Händen. Dies hilft, das Leben nicht nur anzunehmen, sondern zu gestalten. Die Bibel spricht von Endlichkeit und Vergänglichkeit im Glauben, dass sie hinführen zum letztgültig Bleibenden: „Wenn nämlich schon das Vergängliche in Herrlichkeit erschien: die Herrlichkeit des Bleibenden wird es überstrahlen.“ (2 Kor 3,11) Menschen, an denen Endlichkeit deutlich sichtbar wird, regen an, das eigene Leben bewusst zu leben, denn gerade seine Unwiederholbarkeit macht es kostbar. Sie sagen aber auch, dass Endlichkeit ein Ende hat. Um Sinn und Wert zu haben, muss ich Endliches nicht festhalten. Ich kann loslassen, denn ich falle in Gottes Hände.

Hilfsbedürftigkeit – gegen Perfektionismus

Wir wissen zwar, dass es den Menschen, der alles kann nicht gibt. Doch verlernen wir im Laufe des Lebens dazu zu stehen. Für Kinder ist es kein Problem, um Hilfe zu bitten. Sie sind sich auch sicher, dass sie alles, was sie noch nicht können lernen werden. Erwachsenen holen sich benötige Hilfe und Unterstützung auf vielerlei Weise. Mit zunehmendem Alter aber gelingen bisher problemlose Alltäglichkeiten nicht mehr ohne Hilfe anderer. Alte Menschen erleben ihre Hilfsbedürftigkeit nicht mehr als Chance, sich weiter zu entwickeln, sondern als Mangel und Zeichen von Abhängigkeit. Paulus vertritt in seinem Vergleich von vom Leib mit den vielen Gliedern Standpunkt, dass gerade die schwächer erscheinenden Glieder unentbehrlich für das Funktionieren des Ganzen sind. (1 Kor 12, 12–27) Hilfsbedürftige alte Menschen machen deutlich, dass Gottes Maßstäbe von stark und schwach anders sind als die der Menschen. Sie können andere ermutigen, sich ihre Unvollkommenheit zuzugestehen und mit ihren Grenzen zu leben. Zudem stellt die Bibel bereits auf ihrer ersten Seite heraus, dass Hilfsbedürftigkeit zum Menschen gehört. Gott sagt über Adam: „Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.“ (Gen 2,18). Hilfsbedürftige Menschen sind eine Botschaft an alle, die immer wieder in Gefahr sind, auf Schwache herunter zu schauen, denn „Starke“ können plötzlich zu „Schwachen“ werden, die Hilfe brauchen. Stärke erweist sich aber auch darin, als „Schwacher“ leben zu können und zu zeigen, dass auch ein Leben in Schwäche ein lebenswertes Leben ist.

Immer vom Selben sprechen – Lebensbilanz ziehen

Alten Menschen wird oft nachgesagt, sie seien die „ewig Gestrigen“. Wer immer nur auf die Vergangenheit schaut, läuft sicher in Gefahr, an der Gegenwart vorbei zu leben und sich vor der Zukunft zu verschließen. Doch ist der Blick in die Vergangenheit die Voraussetzung, sich der eigenen Identität zu vergewissern. Wer sein Leben bilanziert, setzt sich mit seinen Stärken und Schwächen auseinander, sieht, was gelungen, was weniger gelungen und was offen geblieben ist. So erfährt er sich als Autor und Gestalter seines Lebens, erkennt dessen Sinn und Bedeutung und kann für die Zukunft planen. Bilanz ziehen heißt auch, sich damit auszusöhnen, dass nicht alles gut werden konnte. Ein ehrlicher Blick auf das Leben bewahrt vor falschen Idealen. Ein biblisches Beispiel Lebensbilanz zu ziehen ist Psalm 92. Wer glauben kann, dass der Mensch von Gott angenommen ist, braucht Misserfolge und Scheitern nicht auszublenden. Er trägt Frucht noch im Alter und verkündet späteren Generationen Gott als den Halt seines Lebens. Der alte Mensch wird zum Propheten, der jüngeren Menschen gegenüber, die sich einem ständigen Machbarkeits- und Perfektionswahn ausgeliefert sehen, durch seine Lebenserfahrung Vertrauen, Geduld, Barmherzigkeit, Glauben ins Spiel bringen kann. Werte, die – weil sie nicht mit Geld zu kaufen sind – an Wert nicht verlieren.

Einsamkeit – die andere Seite der Einmaligkeit?

Das Gefühl von Einsamkeit entsteht, wenn bewusst wird, dass etwas fehlt, was ich notwendig brauche. Es erfasst nicht nur alte Menschen. Einsam fühlen sich Jugendliche, wenn sie feststellen, dass sie niemand versteht oder dass es ihnen nicht gelingt, sich verständlich zu machen. Zahlreiche Menschen fühlen sich Zeit ihres Lebens unverstanden. Im Alter häufen sich Situationen, die Einsamkeit fördern: psychische und physische Einschränkungen, der Verlust zwischenmenschlicher Kontakte, die räumliche Distanz zu Verwandten. Hoch emotionale Zeiten wie Advent, Weihnachten, der Jahreswechsel, aber auch die Erinnerung an den Sterbetag eines vertrauten Menschen, lassen Einsamkeit besonders spüren. Einsamkeit gehört zum Leben und holt auch den aktivsten Menschen ein. Jesus macht diese Erfahrung am Ölberg. Deutet aber nicht dieses Beispiel Jesu Einsamkeit als andere Seite der Einmaligkeit eines Menschen? Gerade im Alter treten Charakterzüge klarer hervor, werden Lebensstrategien vielfältiger, Stärken und Schwächen deutlicher. Der Einsamkeit zu entfliehen gelingt ebenso wenig, wie seine Einmaligkeit abzulegen. Mit Einsamkeit umzugehen ist dieselbe bleibende Herausforderung, wie zu seiner Einmaligkeit zu stehen. Diese Spannung löst sich auf in der Beziehung zu Gott, der keinen Massenmenschen möchte, sondern ein Individuum: „Ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir.“ (Jes 43,1)

Sterblichkeit oder Ermutigung zu mehr Leben

Der Tod ist das Ende des Lebens. Damit widerspricht er allem, was das Dasein ausmacht. Die Bibel weiß, dass die Sterblichkeit zum Menschsein gehört. Der Mensch wehrt sich zwar dagegen, ist aber letztendlich machtlos. Macht über den Tod hat nur Gott. Daher entsteht in Israel das Bewusstsein, dass – wenn die Beziehung zu Gott stimmt – mit dem Tod nicht alles zu Ende sein kann: „Ich aber bleibe immer bei dir, du hältst mich an meiner Rechten. Du leitest mich nach deinem Ratschluss und nimmst mich am Ende auf in Herrlichkeit.“ (Ps 73, 23; vgl. Ps 16) Den Gedanken, dass Gott kein Gott der Toten, sondern ein Gott der Lebenden ist, führt das Neue Testament weiter. (Mk 12,27) Am Ende des irdischen Lebens stehen augenscheinlich Leblosigkeit und Zerfall. Die Auferstehung Jesu aber wandelt dieses Ende zum Beginn eines neuen Lebens, das sich durch eine noch engere Beziehung zu Gott auszeichnet. (Vgl. Joh 10. 27–29 u. a.) Ein bewusster Blick auf die Sterblichkeit könnte mehr Lebensintensität im Sinne des paulinischen „nutzt die Zeit!“ (Eph 5, 15f) bewirken, aber auch die Bereitschaft verstärken, sich von allem Unfertigen, Defekten, Vorläufigen befreien zu lassen. Wo dies verdrängt wird, gibt es keine Chance auf Änderung. Menschen, denen ihre Sterblichkeit bewusst ist, wissen, dass ihr Leben zwar Fragment ist, aber Wert und Würde hat. Der Wunsch, nicht alleine zu sterben, enthält er nicht die Hoffnung auf jemanden, der ihm diesen Wert und diese Würde nochmals zuspricht? Enthält er nicht die Hoffnung auf Gott, der alle Fragmente zu einem Ganzen zusammenfügt?

Ausblick

Unsere Gesellschaft sieht das Alter in einer eigenartigen Spannung. Einerseits wird es als „späte Freiheit“ ersehnt, andererseits – wenn es die Schattenseiten des Lebens einholen – gefürchtet und verdrängt. Gegen Verdrängen und Vergessen traten die Propheten auf. Beispiele sind Simeon und Hanna, die auf den Erlöser hinweisen und die Hoffnung auf ihn am Leben erhalten. Wie es nicht gelungen ist, die Propheten und ihre unbequeme Botschaft aus der Welt zu verbannen, gelingt es auch nicht, der Botschaft der alten Menschen aus dem Weg zu gehen. Sie verkünden diese Botschaft – gleich ob sie an den Rand gedrängt werden oder ob sie sich selbst als Propheten verstehen oder nicht. Zum Menschsein gehören nicht nur Gesundheit, Attraktivität und Flexibilität, sondern auch Gebrochenheit, Krankheit und das Verwiesen sein auf andere, vor allem das Verwiesen sein auf Gott. Die Menschen, die von den Befindlichkeiten des Alters geprägt sind, von denen die Bibel sagt: „Ich mag sie nicht“ (Koh 12,1) verweisen auf das Ganze, dort, wo nur eine Seite gesehen und geschätzt wird. Gott hat den ganzen Menschen als sein Ebenbild geschaffen. Wer nur eine Seite des Menschen sieht, wird auch Gott nur einseitig sehen und letztlich von ihm nichts für sich erwarten.

Die Ikone zum Fest „Begegnung des Herrn“ spricht von unserer Begegnung mit Jesus

Ikone „Begegnung des Herrn“ aus der byzantinischen Nikolaus-Kirche der Abtei Niederaltaich

Ikone „Begegnung des Herrn“ aus der byzantinischen Nikolaus-Kirche der Abtei Niederaltaich

Ikonen erschöpfen sich nicht darin, etwas zu erzählen oder eine Begebenheit als „Erinnerungsfoto“ festzuhalten. Sie konfrontieren vielmehr den Betrachter mit dem Heilsgeschehen und stellen ihn vor die Frage, wie er dazu steht. So führt die Ikone vom „Fest der Begegnung des Herrn“ über die Begegnung von Simeon und Hanna mit Jesus hinaus und spricht von der Begegnung mit dem Herrn, auf die jeder Mensch zugeht und die nicht in Vergessenheit geraten zu lassen zu den prophetischen Aufgaben eines alten Menschen zählt.

Gemalt ist was im Lukasevangelium Kap. 2, 21–40 geschrieben steht: Jesus wird in den Tempel gebracht, damit er dem Herrn dargestellt werde. Simeon und Hanna kommen dazu und erkennen in Jesus das Heil aller Völker. Maria hat ihr Kind Simeon in die Hände gelegt. Links neben ihr stehen Josef und Hanna. Hanna ist durch die Schriftrolle in ihrer rechten Hand als Prophetin gekennzeichnet, mit ihrer linken Hand weist sie – wie auch Josef – auf Jesus hin. Simeon steht – etwas abgesetzt von den anderen – auf Stufen. Auf Stufen steht in der Antike der Thron des Herrschers. Zu diesem Thron ist nun Simeon geworden. In seinen Händen hält er das Heil aller Völker, das Licht der Heiden und die Herrlichkeit des Volkes Gottes: Jesus. Die tiefe Verbeugung des Simeon drückt gleichzeitig Verehrung und Anbetung, sowie eine innige Gemeinschaft mit Jesus aus. Sein Blick verrät, dass er in diesem Kind den Messias erkennt, auf den er sein Leben lang gewartet hat: den, der das gebrochene Verhältnis zwischen Gott und den Menschen wieder in Ordnung bringt, den, auf den zu Warten es sich lohnt; den, zu dem jeder Mensch mit all seinen Gebrechlichkeiten und Begrenztheiten kommen kann. Simeon spürt, wenn Gott zu den Menschen kommt, wird alles heil, die Erde und jeder einzelne Mensch. Dem Messias kann ich mein zu Ende gehendes Leben übergeben. Er wird es wie es ist, annehmen und vollenden. Bei diesen Gedanken erfüllt ihn ein tiefer innerer Frieden, der sich in einem Loblied ausdrückt. Was beschäftigt aber – im Gegensatz zu Simeon – uns bei dem Gedanken, dass Gott zu mir kommen und mir begegnen möchte? Statt einer tiefen Freude auf den Herrn, meinem Erlöser, eher Angst und Furcht vor dem strengen Richter, der alles sieht und alles weiß, der das Gute belohnt und das Böse bestraft! Statt eines Lobes und Dankes eher Unbehagen.

Was sagen dazu das Evangelium und die Ikone, die das Evangelium in Farbe und Linien umsetzt? Gott kommt nicht machtvoll-triumphalistisch zu den Menschen, sondern als Kind. In der Welt der Bibel ist das Kind Zeichen von Gottes Nähe und Zuwendung. An ein Kind knüpfen sich Hoffnungen und Erwartungen, es beansprucht aber auch seinen Platz. So ist es auch mit Gott. Er kommt in die Welt. Wer ihm dort den Platz einräumt, der ihm zukommt, hat keinen Grund, sich vor ihm zu fürchten und zu versuchen, ihm aus dem Weg zugehen. Er kann an ihn alle seine Hoffnungen und Erwartungen richten. Wie Simeon wird er spüren: Wer Jesus begegnet, lebt auf, auch wenn er noch so alt und müde geworden ist. Wer Jesus begegnet, braucht sich auch vor dem Sterben nicht zu fürchten, denn das Sterben führt zu einer Begegnung mit dem Herrn, die dem Leben des Menschen eine neue Perspektive gibt, die wir Ewigkeit nennen. Ewigkeit aber besteht nicht, wie viele befürchten, aus einer nie endenden Langweile, sondern ist eine Hineinnahme in den unmittelbaren Lebensraum Gottes und damit von Leben im vollen Sinn des Wortes erfüllt. Die Hymnen der Gottesdienste zum Fest stellen dies immer neu heraus. Sie sprechen von Simeons Lebensaufgabe, im Volk Israel die Hoffnung auf den kommenden Erlöser aufrecht zu erhalten. Diese Lebensaufgabe ist mit dem Kommen Jesu erfüllt. Simeon, im Dienst des Herren müde geworden, bittet Jesus, den er in den Händen hält, sterben zu dürfen: „…da die Erfüllung der Verheißung er gekommen sieht, ruft er voll Freude mit lauter Stimme…entlasse deinen Diener aus den Fesseln dieses Leibes ins unvergängliche, unendliche und wunderbare Leben…“ (Große Vesper, 1. Ton) Das Leben Simeons auf der Erde geht zu Ende. Die Aufgabe, der er es gewidmet hat, ist erfüllt. Simeon kann in das Totenreich gehen, wo die Gerechten auf den Erlöser warten. Er hat ihnen das Wissen voraus, dass der Messias schon da ist und ihre Erlösung nur noch eine Frage der Zeit. Simeon wird nun vom Jesus beauftragt, seinen Verkündigungsdienst auch im Totenreich wahrzunehmen: „Der König der Scharen nahm das Gebet des Gerechten auf und unsichtbar sprach er zu ihm: Nun entlasse ich dich aus der Zeitlichkeit, mein Freund. In die Ewigkeit zu Mose und den anderen Propheten sende ich dich; ihnen allen verkünde, dass ich, von dem sie prophetisch sprachen, kam und aus der Jungfrau geboren ward, wie sie vorhergesagt haben…“ (Kanon) Simeon sieht in diesen Worten für sich eine neue Zukunft: „Du hast mir erwiesen die Freude deines Heiles, o Christus, rief Simeon aus. So mache nun aus deinem Anbeter, der im Schatten des Gesetzes ermüdete, einen neuen Verkünder, geheiligt durch deine Gnade, der dich verherrlicht in seinen Gesängen.“ (Matutin) Den Gedanken über das, was im Tod geschieht und danach sein wird, kann sich niemand entziehen. Die Ikone und die Texte der Gottesdienste helfen dabei zu einer tieferen Sichtweise. Sie sagen aber noch etwas anderes: Die endgültige und über alles entscheidende Begegnung mit Jesus geschieht zwar im Tod, doch kann jeder von uns vorher, in seinem Alltag, dem Herrn begegnen, wenn er dazu bereit ist.

Simeon und Hanna sind Jesus an dem Ort begegnet, der für ihr Alltagsleben wichtig gewesen ist, dem Tempel von Jerusalem. Dieser aber war keine abgelegene Kapelle, sondern das Zentrum des öffentlichen Lebens einer Großstadt. So können auch wir Jesus dort begegnen, wo wir tagtäglich hingestellt sind. Weil Simeon und Hanna ihr Leben lang auf diese Begegnung gewartet haben, wurde sie ihnen geschenkt. Sie hat ihr Leben verändert. Suchen auch wir die Begegnung mit Jesus! Wir brauchen uns nicht davor zu fürchten, denn sie bringt Freude und Frieden. Die Hymnen fordern deshalb dazu auf, sich dem Vorbild des Simeon anzuschließen, auf Jesus zuzugehen und ihn zu loben, zu preisen und anzubeten: „Auch wir wollen eilen und Christus entgegen ziehen unter göttlichen Lobgesängen und ihn empfangen, dessen Heil Simeon schauen durfte. Dieser ist es, den David vorherverkündigt, dieser ist es, der durch die Propheten gesprochen, der um unsertwillen Fleisch geworden und den Menschen errettet hat. Vor ihm lasst uns niederfallen.“ (Kleine Vesper, Tropar, 1. Ton)

Anmerkungen:

(1) Die Übersetzung der Hymnen folgt einer Fassung aus der Abtei Niederaltaich, von der mir Fotokopien zur Verfügung stehen.

(2) Vgl. „Prophet“ in: Xavier Léon-Dufor (Hg.) Wörterbuch zur biblischen Botschaft, Freiburg, 2. Auflage der Sonderausgabe 1981 und „Prophet“ in: Jürgen Blunck u. a. (Hg.) Biblisches Wörterbuch, Wuppertal, 7. Taschenbuchauflage 1999.

(3) Wie es von den alttestamentlichen Patriarchen gesagt ist, nimmt Simeon wohl für sich an, dass er „alt und lebenssatt“ sterben und im Totenreich „mit seinen Vorfahren vereint“ würde. (Gen 25,8; u.a.)

(4) „Ewige Ruhe“ meint hier nicht, wie oft fälschlicherweise verstanden wird, die „Ewigkeit“, die „ewige Seligkeit“ oder das endgültige Leben mit Gott. Vielmehr wird hier damit der Aufenthaltsort der Toten bezeichnet, die Scheol, die das AT als Schattenreich (Jes 24, 16) und Ort der Gottferne (Ps 6) kennt. Die vor dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi verstorbenen Gerechten erwarten nach alter Vorstellung hier das Endgericht und ihre Erlösung.

(5) Das Kontakion ist übersetzt in: Mit der Seele Augen sah er deines Lichts Zeichen, Herr. Romanos der Melode. Hymnen des orthodoxen Kirchenjahres übertragen von Johannes Koder, Wien, 1996, S. 67ff: „Auf die Begegnung unseres Herrn Jesus Christus.“

(6) Das Alte Testament kennt vier Prophetinnen mit Namen : Mirjam (Ex 15,20); Debora (Ri 4–5); Hulda (2 Kön 22,14–20; Chr 34,22–28); Noadja (Neh 6,14); zum Text Lk 2,22–39 vgl.: Heinz Schürman: Das Lukasevangelium I = Herders theologischer Kommentar zum Neuen Testament (Freiburg) 1969 S. 124f, 130f.

(7) Vgl. Chrysostomusliturgie, Gebet vor Empfang der Kommunion.