Unter dem Schutz der Gottesmutter – Ikonentradition in der Stadt Rom

Rom beherbergt eine schier unerschöpfliche Fülle von Kunstwerken: Eindrucksvolle Bauten aus der Kaiserzeit wie das Kolosseum oder das Pantheon, frühchristliche Kunst in den Katakomben und in den Überresten der nachkonstantinischen Ära, ganz zu schweigen von den großartigen Zeugnissen aus der Renaissance und dem Zeitalter des Barock, denen man auf Schritt und Tritt begegnet. Wenig bekannt ist, dass Rom auch eine eigene Ikonentradition hat, die unbeeindruckt vom Bilderstreit des 7. und 8. Jahrhunderts im Osten des Reiches einige der ältesten bekannten Ikonen aus der Antike bewahrt hat. Vielfach leuchten sie unter Schichten späterer Übermalungen und Restaurierungen hervor, die sich der ungebrochenen Verehrung, aber auch dem über die Jahrhunderte hinweg veränderten Zeitgeschmack verdanken.

Salvatorikone

Salvatorikone

Zu diesen alten Ikonen Roms zählt die Salvatorikone des Lateran, ein fast lebensgroßes Bild des auf einem Regenbogen thronenden Christus. Um die Mitte des 5. Jahrhunderts ist es entstanden. Ihren Platz hat sie auf dem Altar der Kapelle Sancta Sanctorum des Laterans. Papst Innozenz III. (1198–1216) ließ eine schützende Silberverkleidung anfertigen, so dass nur das Gesicht Christi für den Betrachter sichtbar ist.

Ikone "Salus Populi Romani"

Salus Populi Romani

Man rechnet mit fünf antiken Marienikonen, die sich in Rom aus der Zeit vor dem Bilderstreit erhalten haben. Unter ihnen ist die Ikone „Salus Populi Romani“ wohl die populärste – der Titel geht auf die Zeit zurück, da die Prätoren die Götter um das Heil und Wohlergehen des römischen Volkes baten. Sie hat seit 1613 ihren Platz auf dem für sie neu geschaffenen Altar der Cappella Paolina in der Basilica Santa Maria Maggiore. Sie zählt zu den Ikonen, von denen gesagt wird, der Evangelist Lukas habe sie gemalt. Forschungen des 20. Jahrhunderts ergaben, dass sie aus dem 5. oder 6. Jahrhundert stammt. Ganz der antiken Malweise verbunden, zeigt sie Maria – nicht wie bei Ikonen später üblich – frontal dem Betrachter zugewandt, sondern als Dreiviertelfigur und leicht nach links gedreht. Ihr Blick ist nicht eindeutig auf den Betrachter, aber auch nicht auf das Jesuskind gerichtet. Er scheint sich eher in die Weite zu verlieren. Maria trägt die dunkle Palla, das Gewand einer vornehmen älteren Frau. Ihr längsovales Gesicht und ihre langen, schlanken Finger entsprechen dem antiken Schönheitsideal. In der rechten Hand hält sie eine Mappula, ein zeremonielles Taschentuch, das als kaiserliches Symbol ihren hohen Status andeutet, auch wenn sie keine Krone trägt. Das Jesuskind sitzt in der Beuge des linken Armes, leicht nach rechts ausgerichtet. Maria hat ihre rechte Hand über die linke gelegt und gibt ihm dadurch einen festen Halt.

Das Jesus-Kind verbindet als „Kind-Greis“ Jugendlichkeit mit der Lebenserfahrung des älteren Menschen. Er ist der, der die ewige Wahrheit, das Evangelium, predigt, auf das ein gemmengeschmückten Buch in seiner linken Hand verweist. Seine rechte Hand zeigt die Gebärde des antiken Orators, aus der sich später die Segenshand entwickelt hat.

Ikone "Maria Advocata"

Maria Advocata

Zu den ältesten erhaltenen Marienikonen Roms zählt ferner die Ikone „Maria Advocata“ (die „Herbeigerufene“, griech.: Hagiosoritissa), die nach einem ihrer früheren Aufenthaltsorte auch unter dem Namen „Madonna di San Sisto“ bekannt ist. Seit 1931 wird sie im Dominikanerinnenkloster Santa Maria del Rosario auf dem Monte Mario bewahrt, wo sie bis zu ihrer „Wiederentdeckung“ im Jahr 2007 in Vergessenheit geriet. Sie ist in antiker enkaustischer Technik auf Holz gemalt und entstand wohl im 5. Jahrhundert in Syrien oder Palästina. Ein Pilger soll sie aus Jerusalem nach Rom gebracht haben.

Zwei weitere, hier nicht abgebildete Marienikonen sind zu nennen: Die Madonna della Clemenza aus Santa Maria in Trastevere, die 1953 als enkaustische Ikone des 7. oder 8. Jahrhunderts erkannt wurde und Maria im Ornat einer byzantinischen Kaiserin darstellt, und die Madonna „ad Martyres“, die nach 650 aus Byzanz nach Rom kam. Mit ihrem Einzug in das dem Gedächtnis aller Märtyrer Roms gewidmete Pantheon wurde der ursprünglich der Verehrung aller Götter dienende römische Tempel zur Marienkirche.

Hanns Sauter