Serbisch-orthodoxe Gemeinde Innsbruck

V. Vidoslav Vujasin und die serbische Gemeinde zum hl. Johannes dem Täufer

– Im Rundbrief 2011/2 finden Sie eine gekürzte Fassung dieses Artikels! –

Es war das Grauen des 2. Weltkriegs, das zahlreiche orthodoxe Christen – vor allem Kosaken und Ukrainer – als Zwangsarbeiter nach Tirol vertrieb. Später folgten die Migrationswellen der damals noch so genannten „Gastarbeiter“, so dass bald das serbisch-orthodoxe Christentum die Mehrheit unter den Kirchen der byzantinischen Orthodoxie in Westösterreich stellte. 1974 wurde eine serbisch-orthodoxe Kirchengemeinde für Salzburg, Tirol und Vorarlberg gegründet, 1992 ging aus ihr eine eigene Gemeinde für Tirol hervor – bis heute die einzige orthodoxe Pfarre mit Sitz in Innsbruck.

Die Gemeinde zum Heiligen Johannes dem Täufer umfasst heute über 10000 Gläubige aller orthodoxer Kirchen (allein im Stadtgebiet von Innsbruck sind es mehr als 4000), sie unterhält eine Zweigstelle in Reutte (Kufstein hingegen bildet mittlerweile eine eigene Pfarrgemeinde). Auch Gläubige aus Südtirol fühlen sich dem Pfarrgebiet zugehörig, doch hier ist eine seelsorgerliche Betreuung nur in sehr begrenztem Maße möglich. Mit der Errichtung der neuen serbisch-orthodoxen Diözese für Österreich, die Schweiz und Italien mit Sitz in Wien gehört die Innsbrucker Pfarre nicht mehr zum Amtsbereich von Bischof Konstantin (Đokić) von Hildesheim, sondern zur neuen Diözese, für die vorläufig Bischof Irinej (Bulović) von Bačka zuständig ist – eine Übergangsregelung, bis die neue Diözese nach der formalen Errichtung auch personell und organisatorisch etabliert ist.

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Pfarrer ist seit 2008 Vater Dipl. Theol. Vidoslav Vujasin (35). Er ist als Sohn serbischer Migranten in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen und war nach dem Theologiestudium in Sremski Karlovci und München – am Institut für Orthodoxe Theologie der Universität München widmet er sich auch einem Promotionsprojekt – sowie der Priesterweihe im Jahr 2001 zunächst im Pfarrdienst in München, ehe ihm die Arbeit in Innsbruck anvertraut wurde. Wie es dem Wesen der orthodoxen Kirchengemeinschaft entspricht, ist V. Vidoslav als derzeit einziger orthodoxer Priester in Innsbruck nicht nur für die vor Ort lebenden Serben zuständig, sondern nach Bedarf auch Ansprechpartner für alle anderen orthodoxen Christinnen und Christen, etwa aus der griechischen und der russischen Kirche: bei Taufen, Hochzeiten, Begräbnissen, Wohnungs- und Betriebssegnungen, in Kliniken, bei der besonders unter Serben groß gefeierten „Slava“ (der jährlichen Feier zu Ehren des Familienpatrons), in der persönlichen Seelsorge und Beratung, und auch für die immer zahlreicher nach Tirol kommenden Touristen aus Osteuropa, die besonders in der Weihnachts- und Osterzeit nach einer Möglichkeit suchen, ihre Feste in orthodoxer Gemeinschaft zu feiern.

Als wäre das nicht schon genug, kommen für Vater Vidoslav und seine Frau Carolina noch die Tätigkeiten als orthodoxe Religionslehrer an den Schulen in Innsbruck und Umgebung hinzu, die alleine schon fast zwei Vollzeitbeschäftigungen entsprechen. Das Arbeitspensum überschreitet daher oft die Grenze des Machbaren, doch zugleich sieht V. Vidoslav gerade im Schulunterricht große Chancen: „Es ist für uns ein großes Geschenk, dass wir die orthodoxen Kinder in den Schulen erreichen können. Wir begegnen im Unterricht jede Woche weit über 100 orthodoxen Kindern, die wir mit ihrem überlieferten Glauben und ihren geistlichen Traditionen bekanntmachen können.“

Dies ist umso wichtiger, als die räumlichen Gegebenheiten der Gemeinde kaum geeignet sind für umfassende pastorale Arbeit. Alles, was zur Verfügung steht, ist die „Siebererkapelle“, eine mit dem für den orthodoxen Gottesdienst Notwenigsten ausgestattete katholische Schulkapelle im Stadtteil Saggen – immerhin eine recht günstige Lage, gut zu erreichen sowohl vom Innsbrucker Stadtzentrum als auch vom Hauptbahnhof. „In diesem Kirchenraum finden nicht nur die Gottesdienste statt, sondern auch alle Sitzungen, die Kinder- und Jugendarbeit, Tauf- und Ehevorbereitung, Gespräche mit Gemeindemitgliedern, Vorträge und alles andere“, erläutert V. Vidoslav. Was vor Jahrzehnten einmal ein brauchbares Provisorium war, erweist sich zunehmend als ungeeignet. „Wir sind der Stadt für die Möglichkeiten, die wir hier haben, zu ehrlichem Dank verpflichtet. Dennoch kann die Siebererkapelle keine dauerhafte Lösung bleiben: Der Kirchenraum und seine Ausstattung entsprechen nicht unserem liturgischen und künstlerischem Erbe. Die Kirchenbänke dürfen zum Beispiel nicht aus dem Raum entfernt werden, doch sie sind dem orthodoxen Gottesdienst fremd und schaffen außerdem ein Platzproblem, wenn es zu den hohen Feiertagen so eng wird, dass man Sorgen um die Sicherheit der Gläubigen haben muss und viele gar nicht in die Kirche hineinkommen können. Von weit angereiste Gläubige können nirgends ein Glas Wasser trinken oder ihre Babys wickeln, weil wir dafür keine Räume haben.“ Auch kulturelle und ökumenische Aspekte hat Vater Vidoslav im Blick, wenn er seine Ideen für ein orthodoxes Kirchenzentrum in Innsbruck skizziert, das auch Räume bieten müsste für Gemeindeversammlungen, Jugendarbeit, caritative Dienste, vielleicht auch für Pfarrerswohnung und Bibliothek: „Besonders schmerzlich ist die Tatsache, dass wir nie Gastgeber ökumenischer Zusammenkünfte oder anderer offizieller Anlässe sein können.“ schreibt V. Vidoslav auf der Internetseite seiner Gemeinde, und: „Wir sind der Meinung, dass in so einem Kirchenzentrum nebst Gottesdiensten und anderen kirchlichen Zeremonien auch verschiedene öffentliche Veranstaltungen wie Vorträge, Ausstellungen, Konzerte, Konferenzen, Filmvorführungen, Symposien sowie verschiedene geistig-künstlerische Veranstaltungen stattfinden sollten. Somit könnten wir sowohl unsere Kirchgänger als auch unsere gern gesehenen Gäste und Besucher zu einer Vielzahl kultureller Anlässe einladen. Wir möchten angesehener Teil der Gesellschaft sein, der seine eigene Kultur, seine Herkunft und seinen Glauben positiv in dieses schöne Land einbringen möchte. Gerade Tirol versteht es, Tradition, Geschichte und Brauchtum eindrucksvoll zu erhalten und zu pflegen.“

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Und dennoch scheitern bislang alle Versuche, Baugrund zu finden, auf dem die Gemeinde Gebäude errichten kann, oder wenigstens vorhandene Gebäude einer anderen Kirche dauerhaft übernehmen zu können. „Orthodoxe Kirche weiter auf Herbergsuche“ titelte zum julianischen Weihnachtsfest im Jänner 2011 der ORF und schilderte die bislang noch immer vergeblichen Versuche, das derzeit ungenutzte Innsbrucker „Sieben-Kapellen-Areal“, das vor etwa 10 Jahren der orthodoxen Gemeinde schon einmal zugesagt, dann aber doch nicht überlassen worden war, oder anderen Baugrund zu finden. Unverbindliche Unterstützungsbekundungen seitens verantwortlicher Stellen in Stadt, Land und Kirchen reichen leider nicht aus, wenn es darum geht, Nägel mit Köpfen zum machen. Auch die hervorragende Integration des Pfarrers und von Mag. Gordana Nadler als serbisch-orthodoxe Vertreter im ökumenischen Arbeitskreis Tirol hat in diesem Punkt noch keine zählbaren Früchte getragen. Immerhin gerät durch das Mitwirken des engagierten jungen Pfarrers bei ökumenischen Gottesdiensten und anderen kirchlichen Veranstaltungen die Präsenz orthodoxer Christinnen und Christen in Innsbruck zunehmend ins Bewusstsein – besonders im Rahmen der „Langen Nacht der Kirchen“ finden die Angebote in der serbischen Kirche viel Zuspruch und Interesse. An den finanziellen Rahmenbedingungen dürften die Probleme beim Kirchbau jedenfalls nach Auskunft von V. Vidoslav nicht liegen: „Die Gemeinde arbeitet schon vielen Jahre auf dieses Ziel hin. Wir könnten sofort beginnen.“

Doch auch wenn Vater Vidoslav sich in Geduld und Hartnäckigkeit üben und weiterhin unter provisorischen Bedingungen arbeiten muss, lässt ihn das in seiner vom Glauben geprägten Zuversicht nicht erschüttern: „Wir sind leider noch nicht so etabliert wie die orthodoxen Kirchen im Osten Österreichs, aber wir haben auch keinen Grund, Trübsal zu blasen. Nichts hindert uns, unseren Glauben als orthodoxe Christen in Tirol zu leben und zu bezeugen. Und wenn wir fest auf Gott vertrauen, dann werden sich auch Schritt für Schritt die Wege in die Zukunft zur rechten Zeit finden!“

Liborius Olaf Lumma

  • Die serbisch-orthodoxe Kirchengemeinde
    zum hl. Johannes dem Täufer Innsbruck

    Kapelle der Siebererschule
    Siebererstraße 7
    6020 Innsbruck

  • Die gewöhnlichen Gottesdienstzeiten
    (Gottesdienste auf serbisch bzw. kirchenslawisch):

    Göttliche Liturgie: sonntags, 9.30 Uhr
    Vesper: samstags, 19.00 Uhr
    Hymnos Akathistos zur Gottesmutter: freitags, 19.00 Uhr

  • Website:
    www.spc-innsbruck.at (serbisch und deutsch)