Russisches Landeskonzil

Eine geschichtsträchtige Woche in Moskau

(aus: Rundbrief 2009/1)

DDr. Johann Krammer hatte die einmalige Möglichkeit, als Mitglied der Delegation der russ. orth. Diözese von Wien und Österreich das Landeskonzil mit der Wahl des neuen Patriarchen und die Inthronisierung des neugewählten Patriarchen Kirill I. mitzuerleben. Hier sein Bericht:

Am 25. Jänner 2009 wurde in der Wiener Kathedrale zum hl. Nikolaus der Delegation der russischen Diözese in Österreich der Reisesegen erteilt, am 26. Jänner landeten wir am Moskauer Flughafen Domodedovo, wo wir von einem Moskauer Geistlichen empfangen wurden. Noch am ersten Abend gab es ein Zusammentreffen mit dem Volgograder Metropoliten German, der als junger Bischof in den 70er Jahren die Diözese von Wien und Österreich geleitet hatte. Der jetzige Bischof von Wien und Österreich Hilarion befand sich bereits seit einiger Zeit in Moskau, um das Landeskonzil der Russischen Orthodoxen Kirche vorzubereiten und am vorausgehenden Bischofskonzil teilzunehmen, das die Aufgabe hatte, drei Kandidaten für die Patriarchenwahl zu nominieren. Am 27. Jänner begann das Landeskonzil der Russischen Orthodoxen Kirche, das höchste Gremium der Russischen Orthodoxen Kirche, zu tagen. Die Teilnehmer wurden im Autobuskonvoi aus ihrem Hotel unter Polizeigeleit zur Christus-Erlöser-Kirche gebracht, eine Maßnahme, die wegen der überlasteten Verkehrssituation in Moskau unbedingt notwendig war.

Russisches Konzil

Vor der Konzilseröffnung zelebrierte der Patriarchatsverweser Metropolit Kirill von Smolensk und Kaliningrad in der Unterkirche der Christus-Erlöser-Kathedrale zusammen mit den Mitgliedern des Heiligen Synods die Göttliche Liturgie. Alle Sitzungen des Landeskonzils fanden in der der Geburt Christi geweihten Oberkirche der Kathedrale statt, die zu einer Konzilsaula umgestaltet worden war.

Zur Eröffnung des Konzils zogen alle in eine Mantija gekleideten Bischöfe in die Konzilsaula ein, und der Patriarchatsverweser feierte eine Bittandacht. Alle Anwesenden sangen gemeinsam das Glaubensbekenntnis. Am Abend dieses Tages erfolgte die geheime Wahl des neuen Patriarchen. Aus jeder Diözese nahmen 4 Vertreter teil: der Diözesanbischof, ein Vertreter des Klerus, ein Vertreter oder eine Vertreterin des monastischen Standes und ein Vertreter oder eine Vertreterin der Laien. Diese 702 Delegierten hatten das aktiveWahlrecht. Das vorausgehende Bischofskonzil hatte in geheimer Wahl drei Kandidaten ermittelt: den Smolensker Metropoliten Kirill, den Geschäftsführer des Moskauer Patriarchats Metropolit Kliment und den Minsker Metropoliten und Exarchen Belorusslands Filaret. Das Landeskonzil verzichtete in einer Abstimmung auf sein Recht, noch zusätzliche Kandidaten zu nominieren. Im Laufe der Diskussion vor der Wahl verzichtete Metropolit
Filaret auf seine Kandidatur, so dass nur noch zwei Kandidaten für die Patriarchenwahl blieben.

Die Wahl war geheim, es waren Wahlkabinen und Wahlurnen aufgestellt worden. 508 Stimmen entfielen auf den 62-jährigen Metropoliten Kirill, der somit von mehr als 72 Prozent der Wahlberechtigten zum neuen Patriarchen von Moskau und der ganzen Rus’ gewählt worden war. Nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses erhob sich die ganze Versammlung und sang mit gewaltiger Stimme die Stichira des Palmsonntags: „Heute hat uns die Gnade des Heiligen Geistes versammelt.” Auf die Frage des ranghöchsten Hierarchen, des Metropoliten von Kiev und der ganzen Ukraine Vladimir, ob der Neugewählte die Wahl annehme, antwortete Metropolit Kirill: „Meine Wahl durch das Landeskonzil der Russischen Orthodoxen Kirche zum Patriarchen von Moskau und der ganzen
Rus‘ nehme ich an, ich danke und widerspreche in keiner Weise.” Darauf zelebrierte der neugewählte und designierte Patriarch ein Dankmoleben und nahm die persönlichen Glückwünsche aller Konzilsmitglieder entgegen.

Zur Feier der Inthronisation des neuen Patriarchen hatten sich am 1. Februar 2009 in der Christus-Erlöser Kathedrale die Vertreter aller orthodoxen Landeskirchen, die Mitglieder des Landeskonzils, die Vertreter anderer christlichen Kirchen und Religionen und Vertreter des politischen und öffentlichen Lebens Russlands und viele einfache Gläubige eingefunden. Als Vertreter der Römisch-Katholischen Kirche war der Präfekt des Einheitssekretariats Kardinal Kasper angereist. Der eigentliche Inthronisierungsritus erfolgte nach dem Trishagion, als der neugewählte Patriarch von den ranghöchsten Metropoliten der Russischen Orthodoxen Kirche zum Patriarchenthron geleitet wurde, auf dem er dreimal unter dem Gesang des „Axios” (Würdig) Platz nahm und
in rote Patriarchengewänder gekleidet wurde. Nach Beendigung der Liturgie wurde Seine Heiligkeit Patriarch Kirill noch in die grüne Patriarchenmantija gekleidet, es wurde ihm die spezielle Patriarchenkopfbedeckung (Kukol’) aufgesetzt und der Patriarchenstab überreicht, in diesem Fall übrigens zum Zeichen der hierarchischen Sukzession der Hirtenstab des ersten in Moskau residierenden Metropoliten Petr (†1326), der speziell für diese Zeremonie aus der Schatzkammer des Moskauer Kreml zur Verfügung gestellt worden war.

Am Montag, dem 2. Februar, besuchte der neue Patriarch Kirill I. zum ersten Mal den Moskauer Kreml und seine historische Patriarchalkathedrale, die Mariä-Entschlafungs-Kathedrale, wo er in Anwesenheit der Konzilsmitglieder, der Vertreter der Regierung der Russischen Föderation und vieler Ehrengäste eine Bittandacht und ein Totengedenken feierte. Bei all diesen Ereignissen konnte man fühlen, wie das Volk seinem tatkräftigen und charismatischen neuen Patriarchen mit Liebe und Enthusiasmus begegnete. Die Höhepunkte dieser Woche wurden von allen russischen Fernsehstationen direkt übertragen. Die allgemeine Stimmung im russischen Volk drückte Bischof Hilarion von Wien und Österreich kurz nach der Patriarchenwahl in einem Interview aus, das er dem russischen Fernsehen gab und mit den Worten begann: „Heute ist der glücklichste Tag meines Lebens.”

Patriarch Kirill I. wird die Russische Orthodoxe Kirche unter neuen Bedingungen in einer neuen Zeit leiten und sich den nicht leichten Herausforderungen der Gegenwart stellen müssen.

Auch wir Christen in Österreich wünschen dem neuen in der ganzen Welt bekannten Patriarchen von Moskau und der ganzen Rus’ Kirill I. für sein schweres und verantwortungsvolles Amt Gottes Segen und „Na mnogaja i blagaja leta, Svjateshij Vladyko” (Auf viele und gute Jahre, hochheiliger Gebieter).

DDr. Johann Krammer