Petrus trifft Andreas

Petrus trifft Andreas – Besuche unter Brüdern als Ausdruck der Communio

(aus: Rundbrief 2006/2)

Das Ikonenmotiv der Umarmung der Apostelbrüder Andreas und Petrus ist Leitbild unseres Hilfswerkes, das sich für die Einheit der Kirchen in Ost und West einsetzt – Einheit, begriffen nicht als Uniformität und Vereinnahmung, sondern als Communio unter Brüdern, die den gleichen Herrn und Meister haben. Begegnungen und gegenseitige Besuche der Repräsentanten dieser Kirchen sind Ausdruck dieser Communio. Die Begegnung des Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I. mit Papst Paul VI. am 5./6. Jänner 1964 in Jerusalem leitete nach Jahrhunderten der Entfremdung eine neue Ära des Aufeinander-Zugehens ein. Nichts dokumentiert eindringlicher den ökumenischen Aufbruch als eben jene Ikone der Umarmung der Apostelbrüder, die der Nachfolger des Apostels Andreas dem Nachfolger der Apostels Petrus in Reminiszenz an die historische Begegnung in Jerusalem zum Geschenk machte und heute im Plenarsaal der Kongregation für die Ostkirchen in Rom verwahrt wird.

Relief

An der Tür zur Kirche des St. Paul’s Memorials in Damaskus ist die historische Begegnung zwischen Papst Paul VI. und dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I. (5./6. Jänner 1964) in Jerusalem im Bronzerelief festgehalten.

Wenn anlässlich des Andreas-Festes am 30. November 2006 Papst Benedikt XVI. sich von Rom aus auf den Weg machen wird, um den Bruder in Christus Patriarch Bartholomaios I. in Istanbul zu treffen, ist das gewiss ein weiterer Meilenstein auf dem seit 1964 beschrittenen Weg. Aber es ist auch daran zu erinnern, dass das, was aus der Sicht der lateinischen Kirche so neu erscheint, nämlich die Communio der Schwesterkirchen und ihrer Repräsentanten, im Osten eine lange Tradition hat, ja als Merkmal der „Orthodoxia” (Zugehörigkeit zur „rechtgläubigen” Kirche) verstanden wird.

Nachdem seit der Wende zum 20. Jahrhundert die ökumenischen Initiativen Konstantinopels zunahmen, war es zu einer Seelenverwandtschaft zwischen Patriarch Athenagoras und Papst Johannes XXIII. gekommen, die ihre Erfüllung in einer persönlichen Begegnung leider nicht finden konnte. Erst im Rahmen der Pilgerfahrt ins Heilige Land, die Papst Paul VI. im Jänner 1964 unternahm, fand das unter seinem Vorgänger begonnene Werk der Aussöhnung der Kirchen in Ost und West in der Begegnung mit Patriarch Athenagoras ihren auch nach außenhin sichtbaren Ausdruck. Es wurde ein gemeinsames Kommuniqué veröffentlicht, die Hierarchen beteten gemeinsam das Vaterunser, lasen abwechselnd aus dem 17. Kapitel des Johannesevangeliums vor und tauschten den Friedenskuss. Papst Paul VI. überreichte Patriarch Athenagoras einen Messkelch. Gewissermaßen als Gegengeschenk des Patriarchen traf im Jahr darauf jene Ikone des Apostelfürsten Petrus und des Erstberufenen Apostels Andreas in Rom ein, der das „Andreas-Petrus-Werk” seinen Namen und das Leitbild seiner Tätigkeit verdankt.

Als nächster großer Schritt auf dem Weg der Aussöhnung der Kirchen stand die „Tilgung der Anathemata des Jahres 1054 aus dem Gedächtnis der Kirchen” an, die am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils in Rom durch ein apostolisches Breve und in Konstantinopel durch einen patriarchalischen Tomos erklärt wurde. Damals kam es aber zu keinem Treffen der Hierarchen.

Im Jahr 1967 überwand Papst Paul VI. die protokollarische Pattsituation, die bisher einen Besuch eines der beiden Hierarchen beim Thron des anderen verhinderte, indem er sich auf den Weg nach Konstantinopel machte. Erstmals fanden bei der von großer Herzlichkeit geprägten Begegnung im Phanar und in einer katholischen Kirche gemeinsame Gottesdienste statt. Hatte der Messkelch als Geschenk des Papstes an den Patriarchen auf dessen Priestertum verwiesen, so das Omophor (die bischöfliche Stola), das der Patriarch jetzt dem Papst überreichte, auf dessen bischöfliche Würde. Bereits im Oktober konnte Patriarch Athenagoras einen Gegenbesuch in Rom machen, bei dem er auch die Gelegenheit wahrnahm, vor der ersten römischen Bischofssynode zu sprechen.

Anlässlich der Feiern zum 10. Jahrestag der Aufhebung der Bannsprüche von 1054, die sowohl im Vatikan als auch im Phanar unter Anwesenheit hochrangiger Delegationen der anderen Kirche abgehalten wurden, kam es in der Sixtinischen Kapelle zu einer wahrhaft großen Geste Papst Pauls VI. Er warf sich vor dem Leiter der Delegation des Patriarchen Demetrius I. nieder und küsste ihm den Fuß.

Ein Höhepunkt der gegenseitigen Besuche zum Patronatsfest der Schwesterkirche, die inzwischen zur festen Einrichtung geworden sind, war der Besuch von Papst Johannes Paul II. zum Andreasfest des Jahres 1979 im Phanar. Es war dies das erste Mal seit dem großen Schisma, dass ein Papst einer orthodoxen Eucharistiefeier beiwohnte, und überhaupt das erste Mal, dass dies in Konstantinopel geschah. Damals fiel das bedeutsame, oft zitierte Wort des Papstes: „Wir müssen uns nicht so sehr fragen, ob wir die volle Communio verwirklichen können, sondern vielmehr, ob wir noch das Recht haben, getrennt zu leben.” Sein erklärter Wunsch sei es, dass das dritte Jahrtausend die beiden Kirchen in voller Communio antreffe. Unmittelbar nach diesem Besuch wurden auch die Mitglieder einer gemeinsamen orthodox-katholischen Dialogkommission benannt, so dass dieses Ereignis auch der Auftakt zum gemeinsamen theologischen Dialog war. Zu einer weiteren Begegnung zwischen beiden Kirchenführern kam es 1987 in Rom. Papst Johannes Paul II. und Patriarch Bartholomaios I., der Nachfolger Demetrios’ trafen einander insgesamt viermal, zuletzt anlässlich des Hochfestes der Apostelfürsten Petrus und Paulus am 29. Juni 2004 in Rom. – Man darf gespannt sein, welche Früchte die bevorstehende Pilgerreise von Papst Benedikt XVI. nach Istanbul angesichts des neu belebten offiziellen Dialogs und der in der Orthodoxie als irritierend empfundenen Streichung des päpstlichen Titels „Patriarch des Abendlandes” trägt.

Jakob Stoiber OSB