Passionsandacht mit Texten aus der Ostkirche

Unser Wiener Diözesanreferent Hanns Sauter hat in der „Ideenwerkstatt Gottesdienst” (Herder Verlag), Ausgabe 3/2018, eine Passionsandacht mit ostkirchlichen Textelementen veröffentlicht. Wir publizieren diese Andacht hier gerne mit der freundlichen Erlaubnis von Autor und Verlag.
PassionsikoneEröffnungsworte

„Seht, da ist der Mensch!“, sagt Pilatus zu der aufgehetzten Volksmenge, als er ihnen Jesus vorführt: einen schwer gefolterten Angeklagten. Seht, da ist der Mensch in all seiner Verletzlichkeit, seiner Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit. Er steht da als Zeichen wozu Menschen werden können, was Menschen imstande sind, einander anzutun. Jesus, der von Pilatus vorgeführt wird, ist von Künstlern in vielen Varianten dargestellt worden, z. B. als Ecce-Homo-Bild oder als Schmerzensmann. Die Ikonen kennen das Motiv des Bräutigams. In der Karwoche ist seine Ikone in der Kirche aufgestellt. Sie stellt Jesus nicht als strahlenden jungen Mann dar, der Hochzeit feiern möchte, sondern als den der Verspottung preisgegebenen Gefangenen. In wenigen Augenblicken muss er den Weg zur Kreuzigung gehen. Er ist gefesselt, trägt den Spottmantel, die Dornenkrone, seine Hände sind gefesselt. In der rechten Hand, die sonst segnet, hält er das Spottszepter. Das Brautgemach, in das der Gottessohn kommt, ist keine Stätte herzlicher Liebe und froher Gemeinschaft, sondern eine des Hasses, der Verlogenheit und der Intrigen. Jesus, der nichts anders möchte, als den Menschen die Botschaft von Gottes Liebe zu bringen, stößt auf eine Welle der Ablehnung. Statt auf ein Volk, das bereit für den Herrn ist, gerät er in eine Gesellschaft, die Gott aus der Welt schaffen möchte. „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (1 Joh 1, 11) Das Resümee, das der Evangelist Johannes bereits am Anfang seines Evangeliums über Jesu Wirken zieht, zeigt sich hier in aller Deutlichkeit. Wir hören aus dem Evangelium nach Johannes:

Evangelium

Joh 19, 1-7,13-16a

Lied

GL 290 (Herzliebster Jesu)

Gebet

Herr, mach unsere Herzen aus Stein zunichte beim Anblick deiner Leiden. Lass sie zu Herzen aus Fleisch werden.
Lass dein Kreuz all unsere Vorurteile auflösen. Beim Anblick deines qualvollen Todeskampfes mögen unsere Gleichgültigkeit oder unsere Auflehnung vergehen.

Herr, lass uns nicht mehr das Los werfen wie die Soldaten am Fuße des Kreuzes. Lass uns aus einer blinden und dummen Geschichte nicht mehr das Los ziehen um deine Kleider, damit wir das nahtlose Gewand deiner Kirche nicht noch mehr in Stücke zerreißen.

Möge die Mutter Gottes uns in deine Geheimnisse einführen, in das Geheimnis der Liebe der Heiligsten Dreifaltigkeit, denn der Vater ist in dir, wenn du leidest, und der Geist wacht über dich, wenn du stirbst.

Dir Vater, sei durch Christus, im Heiligen Geist, aller Ruhm und alle Ehre, jetzt und in Ewigkeit. Amen.1

Jesus wird von Pilatus verurteilt

V: Dein Kreuz, o Herr, verehren wir,
A: und deine heilige Auferstehung preisen wir.

Die Menge hatte Jesus zugejubelt,
als er in Jerusalem einzog.
Jetzt schreit sie: Tötet ihn!
Das sind nicht mehr dieselben Menschen,
sie werden alle zusammen zu einem wilden Tier,
gierig nach Folter und nach Blut.
Welches Übel wohnt im Menschen,
welche Macht der Finsternis
führt zu diesem grausamen Ritual,
das den Unschuldigen treffen will?
Jesus ist König.
Er ist in Jerusalem als König eingezogen.
Hier ist er nun,
der König ohne Stadt.
So ist unser Gott,
den wir aus seiner Schöpfung ausschließen
und der durch seine Fleischwerdung
in der Schöpfung jeden Ausschluss in sich aufnimmt.

Grauen der Geschichte, Zerstörungshypnose,
töten, um zu vergessen, dass wir sterben müssen.
Grauen der Geschichte und welche Ironie:
Denn Barabbas heißt „Sohn des Vaters“.

Und der Mann, der regiert, Pilatus,
ohne andere Wahrheit als seine Macht,
schmeichelt der Menge, um ihren Wahn zu lenken
und die Ordnung Cäsars zu erhalten.
Schreckliche Weisheit der Herrscher,
die der Volksmenge Sündenböcke liefern.

Doch bald wird alles anders sein:
Denn der leidende Knecht
„gibt sein Leben als Sühnopfer hin,
erblickt das Licht und sättigt sich an Erkenntnis“ (Jes 53, 10-11)
Und durch ihn werden alle Ausgeschlossenen,
alle Menschen ohne Gesicht,
so nannte man damals die Sklaven,
das Licht erblicken und sich an Erkenntnis sättigen.

Lasset uns beten:
Herr Jesus, König ohne Reich, öffne die Tür unserer Herzen, damit dein sanftes Licht, das zugleich stark ist wie ein Leben ohne Tod, in der Welt erstrahle, die voll ist mit Menschen wie Barabbas und Pilatus.
Herr Jesus, den unsere Sünden geißeln, du, der du nicht einmal weißt, was das Böse ist, und der du schweigst, wenn du geohrfeigt wirst, reiße die dunkle Seite aus uns heraus, den Schwindel des Nichts, damit wir keinen Sündenbock mehr brauchen und in jedem Menschen den „Barabbas“ , den Sohn des Vaters, erkennen, den wider Erwarten befreiten Mörder.2

Wechselgebet

Siegreicher Herzog
und Herr des Himmels und der Erde,
als die ganze Schöpfung dich,
den unsterblichen König, am Kreuz hängen sah,
da veränderte sie sich:
der Himmel erschrak,
und die Grundfesten der Erde erbebten.
Wir Unwürdige aber
Fallen dankbar vor deinen Leiden nieder,
die du um unseretwillen ertragen,
und rufen dir zusammen mit dem Schächer zu:
Jesus, Sohn Gottes, gedenke unser,
wenn du in dein Reich kommst.

Als Pilatus deine sanften Worte hörte,
da übergab er dich trotzdem
wie einen Todeswürdigen zur Kreuzigung,
obwohl er doch selbst bezeugte,
dass er keine Schuld an dir finde.
Er wusch sich die Hände –
doch sein Herz war befleckt.
Wir aber staunen ob deines freiwilligen Leidens
und rufen ergriffen:

Jesus, Sohn Gottes und Sohn einer Jungfrau –
wie wirst du gefoltert von den Söhnen der Gesetzlosigkeit;

Jesus, der du die Lilien des Feldes mit Schönheit
und den Himmel mit Wolken bekleidest –
wie wirst du nun verspottet und entblößt;

Jesus, der du mit fünf Broten die Fünftausend gesättigt –
wie bist du mit Wunden nun ganz übersät;

Jesus, du König des Alls –
wie wirst du mit grausamer Folter
statt mit Liebe und Dankbarkeit nun bedacht;

Jesus, um unseretwillen den ganzen Tag über verwundet –
heile die Wunden unserer Seele;

Jesus, Sohn Gottes, gedenke unser,
wenn du in dein Reich kommst.

Wir besingen, o Christe, deine freiwillige Kreuzigung,
fallen nieder vor deinem Leiden
und glauben mit dem Hauptmann,
dass du wahrhaft der Sohn Gottes bist,
der da auf den Wolken kommt
mit großer Kraft und Herrlichkeit.
Wohlan, so lass uns nicht zuschanden werden,
die du mit deinem Blut losgekauft
und die zu dir nun rufen:

Jesus, Vielleidender,
um der Klage deiner jungfräulichen Mutter willen
entreiß uns der ewigen Klage;

Jesus, von allen Verlassener,
lass mich nicht allein in der Stunde des Todes;

Jesus, nimm mich an,
der ich mit Magdalena dir zu Füßen falle;

Jesus verurteile mich nicht
zusammen mit deinem Verräter
und mit denen, die dich kreuzigten.

Jesus, führ mich ins Paradies
zusammen mit dem guten Schächer;

Jesus, Sohn Gottes, gedenke unser,
wenn du in dein Reich kommst.

Jesus Christus, Lamm Gottes,
das da hinweg nimmt die Sünden der Welt,
nimm diesen kleinen,
doch von ganzer Seele dir dargebrachten Dank entgegen
und heile uns durch deine heilbringenden Leiden
von aller Krankheit der Seele und des Leibes;
umschirme uns mit deinem Kreuz
gegen alle sichtbaren und unsichtbaren Feinde
und verlass uns nicht am Ende unseres Lebens;
auf dass wir – durch deinen Tod
vor dem ewigen Tod bewahrt – dir allzeit rufen: Halleluja.3

Bitten

Herr, als der Blinde hörte, dass du auf dem Wege vorbeigingst, rief er aus: Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und nachdem du ihn zu dir gerufen hattest, öffnetest du seine Augen. So erleuchte denn auch mir die geistigen Augen des Herzens, der ich zu dir rufe und spreche:
Jesus, Schöpfer der Höchsten: Erbarme dich meiner!
Jesus, Erlöser der Niedrigen
Jesus, Vernichter der Abgründe:
Jesus, Verschönerer aller Schöpfung:
Jesus, Tröster meiner Seele:
Jesus, Erleuchter meines Verstandes:
Jesus, meines Herzens Freude:
Jesus, meines Leibes Gesundheit:
Jesus, mein Erlöser:
Jesus, mein Licht:

Jesus, von aller Qual befreie mich!
Jesus, rette mich Unwürdigen!
Jesus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!

Spende mir Gnade, Jesus, der du alle Schulden tilgst und nimm mich Reuigen auf, wie du Petrus, der dich verleugnet hatte, aufnahmst, und rufe mich Verzagenden herbei, so wie damals Paulus, der dich verfolgte, und erhöre mich, der ich zu dir rufe.4

Gebet

Gütigster, langmütiger Jesus, heile die Wunden meiner Seele, ich bitte dich, Erbarmungsvoller, erfülle mein Herz mit Sanftmut, dass ich dich erlöst lobpreisen kann.
Gütigster Jesus, erlöse mich!
Gütigster Jesus, öffne mir die Pforten der Buße, und nimm mich an, du Menschenliebender, der ich vor dir niederfalle und die Vergebung der Sünden erflehe.
Gütigster Jesus, erlöse mich!
Gütigster Jesus, entreiße mich aus der Hand des listigen Feindes und stelle mich zur Rechten deiner Herrlichkeit, Jesus, mein Heiland, befreie mich vom Lose, links zu stehen.
Gütigster Jesus, erlöse mich!
Gebieterin, die du Jesus Gott geboren hast, bitte für deine unnützen Knechte, du Allreine, dass wir Unreinen durch deine Fürbitten die ewige Herrlichkeit genießen dürfen. Amen.5

Segensbitte

Durch die Kraft des heilbringenden Leidens Christi unsere gütigen Herrn, erbarme sich unser und segne uns der dreieinige Gott, denn er ist gut und menschenliebend. Amen.

Gesang

GL 298 (So sehr hat Gott die Welt geliebt)

Quellennachweise

1 Eröffnungsgebet und 2 5. Station (Jesus wird von Pilatus verurteilt) des Kreuzweges mit Betrachtungen von Patriarch Bartholomaios I. im Kolosseum in Rom, Karfreitag 1994. Aus: Kreuzeslob. Katholisches Gebet- und Gesangbuch zum Leiden Christi, Kißlegg, 2006, S. 560 und 471.

3 Aus dem Akathistos zu den göttlichen Leiden Christi, in: Kreuzeslob, S. 581ff.

4 Ikos aus dem „Bittkanon und Akathistos an Jesus Christus, unseren gütigsten Herrn“, aus: Orthodoxes Gebetbuch, Berlin-München 1989, S. 89.

5 Erste Ode des Bittkanon und Akathistos an Jesus Christus, unseren gütigsten Herrn“, aus: Orthodoxes Gebetbuch-vgl. Anm. 4.