Hagia Sophia zur Moschee umgewandelt

Archimandrit Michael Proházka, Collegium Orientale Eichstätt, zur Umwandlung der „Mutter aller Kirchen” in eine Moschee

Archimandrit Michael Proházka

Mehrere Male durfte ich aus verschiedenen Anlässen in die Stadt Konstantins, das „Neue Rom“ und den „Augapfel aller Städte“ (der byzantinische Chronist Niketas Choniates), reisen und habe selbstverständlich immer wieder die dortige „Mutter aller Kirchen“, die Hagia Sophia, die Krönungskirche der byzantinischen Kaiser mit ihrer architektonischen Einzigartigkeit und ihren beeindruckenden Mosaiken bewundert. Deshalb war die Umwandlung dieses bis dahin für alle Besucher und Besucherinnen offenen Museums in eine Moschee durch den türkischen Ministerpräsidenten auch für mich ein Tag von großer Trauer und großen Schmerzes.

Warum aber erscheint dieser Akt für viele Christen, vor allem für unsere orthodoxen Brüder und Schwestern wie eine unheilvolle Wiederholung der Ereignisse von 1453? Sollte man nicht zufrieden, ja dankbar sein, dass in diesem herrlichen Raum wieder gebetet werden darf? Mittlerweile ist viel Kluges von verschiedenen Fachleuten darüber geschrieben worden, sodass ich es an dieser Stelle nicht zu wiederholen brauche. Auch ich wurde in verschiedenen Medien dazu interviewt und um eine Stellungnahme gebeten. Meine Antwort war und ist darauf immer die Gleiche geblieben: Diese Aktion war eine bewusste und willkürliche Machtdemonstration und keinesfalls ein Akt der Frömmigkeit! Denn nur 500 Meter gegenüber steht die so genannte Blaue Moschee, dieses Meisterwerk osmanischer Baukunst, die kein Museum ist. Und ich bleibe weiterhin skeptisch, was die angekündigte Öffnung der Hagia Sophia für Nicht-Muslime anlangt. So ist und bleibt diese Umwandlung fraglos ein „düsteres Signal in die westliche Welt“. Und ich frage mich immer wieder: Wäre es nicht tatsächlich ein wahrhaftig großzügiger Akt interreligiöser Beziehungen und Offenheit gewesen, hätte man die Hagia Sophia dem Ökumenischen Patriarchat zurückgegeben? Mit dieser Entscheidung der türkischen Autoritäten ist dies alles  nun in eine weite, wenn nicht gar unerreichbare Ferne gerückt.

 

ICO / Information Christlicher Orient Nr. 80 (September 2020) zur Verbitterung, die dieser Schritt in der orthoxen Welt ausgelöst hat

Die großteils verhaltenen Reaktionen des Westens sorgten in den orthodoxen Kirchen für Enttäuschung und Verbitterung. Während in der Hagia Sophia am 24. Juli das islamische Freitagsgebet stattfand, wurden weltweit an diesem Tag in vielen orthodoxen Kirchen als Zeichen des Schmerzes und der Trauer Gottesdienste abgehalten; so auch in Wien. Beim „Bittgebet zur Gottesgebärerin“ in der griechisch-orthodoxen Dreifaltigkeitskathedrale wurde einerseits der Schmerz der orthodoxen Gläubigen deutlich, zum anderen aber auch die Enttäuschung ausgesprochen, dass der Westen scheinbar nicht verstehe, was es mit der Hagia Sophia auf sich habe. Und es herrschte Übereinstimmung: Die Hagia Sophia sei nach wie vor eine Kirche und niemals profanisiert worden, auch wenn sie als Moschee verwendet werde.

Künftig werden also neben den Freitagsgebeten täglich in der „Ayasofya“, wie sie auf Türkisch heißt, die fünf islamischen Pflichtgebete abgehalten. Zudem sollen Tag und Nacht Koranrezitationen stattfinden. Die christlichen Mosaike sollen nur zu den Gebeten verhängt werden, hieß es zwar, doch bis Redaktionsschluss dieser ICO-Ausgabe waren die Mosaike ständig verhängt.

Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. hat seit Jahren den sich unter Erdoğan verstärkenden Trend zur Re-Islamisierung der Hagia Sophia aufzuhalten versucht. … Zwei Wochen nach dem Freitagsgebet vom 24. Juli äußerte er sich öffentlich zu den Vorkommnissen. Er rief bei einem Gottesdienst die orthodoxen Christen der Türkei auf, sich durch die jüngsten Vorkommnisse nicht entmutigen zu lassen. Trotz aller kurzfristigen und andauernden Probleme wolle der Rest orthodoxer Christen am Bosporus ausharren, „mit Gebet, mit Entschlossenheit und hocherhobener Stirn“, sagte der Patriarch.

Der Moskauer Patriarch Kyrill zeigte sich empört,  Metropolit Hilarion sprach von einem „Schlag gegen die Weltorthodoxie“.

Die ICO-Ausgabe zum Schwerpunkt-Thema „Umwandlung der Hagia Sophie in eine Moschee“ kann hier bestellt werden:

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