„… er wird so kommen, wie ihr ihn habt hingehen sehen in den Himmel“ (Apg 1,11)

(aus: Rundbrief 2016/1)

Das Rabula-Evangeliar ist die älteste vollständig erhaltene syrische Evangelienhandschrift. Laut Inschrift wurde es am 6.2.586 unter Leitung eines Mönches namens Rabula im Skriptorium des Johannesklosters von Beth Mar Johannan in Zagba bei Apameia, Syrien, vollendet. Seit dem 11. Jahrhundert im Besitz der maronitischen Patriarchen von Antiochien, ging es 1497 als Geschenk an die Familie der Medici in Florenz. Auf diese Weise fand es Eingang in die Biblioteca Medicea Laurenziana.

Rabula-Evangeliar, 586 n. Chr., Miniatur fol. 13v Christi Himmelfahrt (von Meister des Rabula-Evangeliums [Public domain], via Wikimedia Commons).

Rabula-Evangeliar, 586 n. Chr., Miniatur fol. 13v Christi Himmelfahrt (von Meister des Rabula-Evangeliums [Public domain], via Wikimedia Commons).

Einzigartig sind die Illuminationen der Handschrift: Zwei Zierseiten, sieben ganzseitige Miniaturen, 70 kleine Szenen des Alten und Neuen Testaments im Text der vier Evangelien sowie neun Kanontafeln. Auf fol. 13r findet sich eine der ältesten Darstellungen der Kreuzigung (in Verbindung mit der Darstellung des leeren Grabes und der Begegnung des Auferstandenen mit den Frauen).

Es ist dies übrigens die Kreuzesdarstellung, die den Künstler bei der im Jahr 2011 abgeschlossenen Neugestaltung der Grazer Seminarkirche inspiriert hat: Der im Zentrum des Altarraums den Blick auf sich ziehende gekreuzigte Herr ist wie im Rabula-Evangeliar mit dem Linnen bekleidet, in das der Leichnam Jesu gehüllt wird und das zugleich auf seine Auferstehung und Gegenwart hinweist – es ist das Linnen, das die Jünger im leeren Grab vorfinden! In der Verlängerung des senkrechten Kreuzesbalkens fällt der Blick auf den Tabernakel, dem in der Komposition des Rabula-Evangeliars die Grabkapelle entspricht.

Die hier abgebildete Miniatur befindet sich auf der Rückseite desselben Blattes (fol. 13v) und zeigt die Himmelfahrt. Besondere Beachtung verdient die Kombination der „Rückkehr“ Jesu zu seinem Vater mit der Vision des Thronwagens nach Ez 1, die im oberen Register in enger Anlehnung an den alttestamentlichen Text komponiert ist: Die vier Lebewesen mit jeweils vier Flügeln und vier Gesichtern, die nach allen vier Himmelsrichtungen blicken, das Menschengesicht nach vorn, das Löwengesicht nach rechts, das Stiergesicht nach links und das Adlergesicht nach hinten (Ez 1,10), ihre Körper und die Flügel über und über mit Augen bedeckt (Ez 10,12), zwischen den Flügeln etwas wie glühende Kohlen und Fackeln, neben jedem Lebewesen ein Rad, wobei es so aussieht, als laufe ein Rad im anderen (Ez 1,16). Oberhalb der Lebewesen schaut Ezechiel eine Platte mit einem Kristallthron, darauf eine Gestalt, die er als die Herrlichkeit des Herrn deutet. Die alle Vorstellungskraft übersteigende Erkenntnis, die sich dem Propheten in dieser Vision er­schließt: Die Herrlichkeit des Gottes Israels ist nicht an einen bestimmten Ort gebunden, sondern gleichsam nach allen Himmelsrichtungen hin „mobil“ und kann daher auch fern von Jerusalem am Fluss Kebar geschaut werden.

Rabula deutet Jesu Himmelfahrt von Ez 1 her als den Beginn seiner nicht an Ort und Zeit gebundenen Wiederkunft und Gegenwart. Die ausgesprochen erregten Gesten in den beiden Jüngergruppen gelten kaum einem in die Höhe entschwindenden, sondern eher dem Wiedererkennen eines Vertrauten in noch fremder Gestalt. Maria wiederum hat an der erregten Verständigung der Jünger untereinander keinen Anteil, sondern steht als Betende dem Betrachter zugewendet da. Durch ihr Purpurkleid ist sie von ihrer Umgebung abgehoben, andererseits aber ganz ihrem im purpurnen Oval der Glorie schreitenden Sohn zugeordnet. Sie ist im Gebet ganz bei ihm.

Natürlich denkt der Künstler bei den geheimnisvollen „Trägerwesen“ der Thronwagenvision auch an die vier Evangelien, die die frohe Botschaft von Jesus dem Christus hinaustragen und so Gottes Ankunft bei den Menschen im Hören und Lesen den Boden bereiten.

Gottfried Glaßner OSB