Die Göttliche Weisheit – A & Ω, Quelle und Ziel menschlicher Erkenntnis

Fribourg Hauswand

Bemalte Hauswand im Areal der Universität Fribourg (Foto: Gottfried Glaßner)

Das Haus, dessen Außenwand dieses Fresko schmückt, beherbergte einst die Bibliothek von Walter Nigg und gehört zum Gebäude-Ensemble der Universität Fribourg. Prof. Barbara Hallensleben erläuterte den Teilnehmern der CU-Generalversammlung das auf den universitären Studienbetrieb bezogene Bildprogramm: Die Göttliche Weisheit (oberes Register) nimmt in der Welt der Menschen Gestalt an (unteres Register, zentrale Szene unter dem von Engeln hochgehaltenen Vorhang).

Das Lamm Gottes über dem Berg Sion (links oben) und den zwölf Toren des Neuen Jerusalem, dazu ein Spruchband mit dem Text von Offb 12,10, korrespondiert mit der als Braut des Lammes vorgestellten Göttlichen Weisheit (rechts oben), die Anfang und Ende, Alpha und Omega, umspannt und auf sieben Säulen thront (vgl. Spr 9,1). Über ihr Christus mit Segensgestus, zu ihrer Seite Maria und Johannes. Das obere große Fenster ist links und rechts von einem sechsflügeligen Seraphen flankiert, der mit der Beischrift „SF“ – „SF“ – „SF“ (rumänisch „sfânt“ für „heilig“) auf die Berufungsvision des Jesaja verweist (Jes 6,2). Verdeckt hinter dem Balken links David mit der Harfe, rechts Salomo mit dem Plan des Tempels. Sie stehen für die Hoffnung des auserwählten Volkes Israel.

Das untere Register zeigt links oben Adam und Eva, beide sich einander zuneigend und sich gegenseitig beschützend, begleitet (!) vom Engel auf ihrem auf fruchtbaren Erdboden führenden Weg aus dem Paradies, das durch den „Angelus Novus“ von Paul Klee markiert ist. Darunter der brennende, aber nicht verbrennende Dornbusch, in dem die Gottesmutter mit dem Kind erkennbar ist: Die Offenbarung des Gottesnamens weist auf die Menschwerdung voraus, ist Neuschöpfung und Geburt. Mose ist durch diese Offenbarung des Gottesnamens ein anderer geworden und deshalb zweimal dargestellt. In der zentralen Szene erscheint Maria als Theotokos und Quelle lebendigen Wassers, aus der die darniederliegende Menschheit (liegende weiße Gestalt vor dem Brunnen) Kraft und Heilung findet. Es ist der Hl. Nikolaus von Myra, Stadtpatron von Fribourg, der für sie aus dem Brunnen schöpft. Links von ihm, dem Brunnen zugewandt, Nikolaus von der Flüe, dann der Mönchsvater Sergius von Radonesch und links vom Fenster (verdeckt durch den Fensterladen) Sergius Bulgakov (1871–1944), an dessen Theologie sich das ikonographische Programm des Freskos inspiriert hat.

Barbara Hallensleben

Prof. Barbara Hallensleben (Foto: Gottfried Glaßner)

Rechts vom Brunnen steht Katharina von Alexandrien (mit Rad), deren Weisheit gemäß der Legende die 50 vom Kaiser aufgebotenen Philosophen nicht widerstehen konnten. Dargestellt sind hier Platon und Aristoteles, die die Attribute ihrer Weisheit (jeweils ein Buch) genauso abgelegt haben wie der rechts außen stehende, den philosophisch-theologischen Disput initiierende Kaiser seine Insignien. Es ist ein Disput, der sich an der Quelle des Heils vollzieht. Rechts neben der zentralen Szene erkennt man Abraham, in dessen Schoß die Seelen ihre letzte Bestimmung finden. Dismas, der rechte Schächer mit dem Kreuz, zeigt den Weg zum neuen Paradies. Der Erdboden grünt und blüht dort aufs neue und die fünf klugen Jungfrauen machen sich bereit für die Hochzeit des Lammes.

Gottfried Glaßner OSB