Christsein im Zeichen des Martyriums

(aus: Rundbrief 2014/1)

Foto: Claudia Schneider

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Svjatoslav Shevchuk, Großerzbischof der UGKK, sprach in einem vom Sekretär der Hl. Synode der UGKK Bischof Bogdan Dziurach verlesenen Grußwort von einem „Ökumenismus der Märtyrer“. Tausende Glaubenszeugen der Vergangenheit erinnern die kirchlichen Verantwortlichen von heute daran, die Verkündigung des Evangeliums nicht von äußeren Umständen abhängig zu machen, sondern sich am Willen Christi zu orientieren. Die Erinnerung an die Märtyrer dürfe nicht verloren gehen, denn sie seien „Zeichen der Hoffnung, dass die Liebe stärker ist als der Tod“ (Papst Johannes Paul II. am 27.6.2001 in Lemberg).

Die Wiener Kath.-Theol. Fakultät, das ITI, das Generalvikariat für die Gläubigen des byzantinischen Ritus in Österreich und die Ukrain.-Kath. Universität Lemberg haben anlässlich des 390. Todestags des hl. Josaphat zu einem Symposion über das Märtyrertum der Ostkirchen geladen. In Anwesenheit hoher kirchlicher Würdenträger aus Ost und West wurde am 9. November 2013 in den Festsälen der Universität Wien ihrer Leidensgeschichte hinter dem Eisernen Vorhang gedacht. In Wort und Bild (Schautafeln) wurde deutlich, wie sehr sie ihre Kraft aus dem Martyrium schöpfen.

Ein erster Block an Vorträgen galt der Bedeutung des Martyriums für das Miteinander der Kirchen Europas (Borys Gudziak, Paris) mit Blick auf die Verehrung von Josaphat Kunce­wycz, Erzbischof von Polock, als Märtyrer der Union (Prof. Dr. Kerstin S. Jobst) und auf die ukrainischen Märtyrer des 20. Jahrhunderts (Prof. Oleh Turij). Weitere Referate konzentrierten sich auf die Aufarbeitung der jüngeren Geschichte des Märtyrertums in Russland (Univ.-Prof. Dr. Rudolf Prokschi), Rumänien (Dr. S?tefana Semana Zetea), der Slowakei (Metropolit Ján Babjak S.J.) und Armenien (Patriarchaldelegat Tiran Petrosian).

Bereits in der Einführung zur Tagung betonte Kardinal Schönborn, dass das 20. Jahrhundert wie kein anderes das Jahrhundert der christlichen Märtyrer war, und stellte die Frage in den Raum, die als Motto über der gesamten Tagung stand: Was bedeutet es, heute Christ zu sein – nämlich im Angesicht der Märtyrer der Ostkirchen und aufgrund der Tatsache, dass das Martyrium einerseits sehr lebendig, ja mancherorts Teil des christlichen Alltags ist, andererseits aber als Glaubenszeugnis in seiner Bedeutung oft nicht mehr verstanden wird? Wenn der Begriff „Märtyrer“, so einige Wortmeldungen, nicht auf das „Blutzeugnis“ beschränkt wird, sondern in seiner ursprünglichen Bedeutung als „Glaubenszeugnis“ verstanden wird, kann das Beispiel der Märtyrer die Frage nach einem Leben aus dem Glauben anstoßen. Die Kraft des Martyriums, so Kardinal Schönborn, liege auch in der Kraft der Vergebung. Es gelte „dort, wo Hass ist, nicht mit Hass und Gewalt zu antworten“.

Foto: Claudia Schneider

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Auch der Präfekt der vatikanischen Ostkirchenkongregation, Kardinal Leonardo Sandri, unterstrich die Bedeutung der gegenseitigen Vergebung. Katholiken und Orthodoxe müssten sich noch stärker ihrer gemeinsamen Quellen bewusst werden. Heute gehe es auch darum, gemeinsam auf die Ursprungsländer des Christentums zu schauen. Im Leid sei die Einheit der Kirchen vorweggenommen worden, oder wie es eine Stimme aus dem Publikum formulierte: In den KZs, wo Katholiken, Orthodoxe, Unierte, Priester und Laien zur Ökumene zusammengefunden haben, habe sich gezeigt, dass die gemeinsamen Wurzeln unter den Christen stärker sind als die so oft in den Vordergrund gerückten Unterschiede.

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Am Abend des 9. November 2013 erlebten die im vollbesetzten Wiener Stephansdom versammelten Gläubigen eine höchst eindrucksvolle pontifikale Göttliche Liturgie – vielleicht war es der schönste und prächtigste byzantinische Gottesdienst, den St. Stephan je gesehen hat. 20 Bischöfe aus den Ostkirchen waren zum Symposion „Was heißt es, heute Christ zu sein“ nach Wien gekommen. Die Liturgie war Höhepunkt und Abschluss. Nicht zu überhören war dabei die Anwesenheit Hunderter Pilger aus Ostungarn, für die neben dem Gedenken an das Ende der Leidenszeit der Kirche unter dem Kommunismus im Jahr 1989 das Gedenken an das Mária-Pócs-Wunder von 1696 im Zentrum stand. Sie hatten mit ihren Bischöfen, Fülöp Kocsis von Haidúdorog (Nyíregyháza) und Atanáz Orosz von Miskolc, bereits am Nachmittag eine Paraklisis (Marienandacht) vor der links am Hauptaltar ausgestellten Mária Pócs-Ikone gefeiert.

Hanns Sauter