Buchbesprechung: „Völkermord an den Armeniern”

Michael Hesemann, Völkermord an den Armeniern.
Mit unveröffentlichten Dokumenten aus dem Geheimarchiv des Vatikans über das größte Verbrechen des Ersten Weltkriegs.
München: Herbig 2. Auflage 2015.
352 S, mit 33 s/w-Fotos.
€ 25,70
ISBN 978-3-7766-2755-8

Buchcover

Das Buch ist eine ausführliche, gut lesbare Darstellung sowohl des Genozids an den Armeniern von 1915/16 als auch anderer Verbrechen der Türken (Osmanen) an den Armeniern, die bereits unter Sultan Abdul Hamid II. (1876–1909) und auch noch unter Kemal Atatürk in den Jahren 1920/21 begangen wurden. Neben bereits bekannten und publizierten Dokumenten ist es dem Autor gelungen, für sein Werk Hunderte von bisher noch unbekannten Unterlagen aus dem Vatikanischen Geheimarchiv auszuwerten. Sie belegen, was bisher bekannt gewesen ist, nämlich dass die Mittel- und Großmächte wie Deutschland, Österreich-Ungarn, Frankreich, England, Russland und die USA bestens über die Vorgänge im Osmanischen Reich informiert waren, aber aus bündnispolitischen, wirtschaftlichen oder anderen Überlegungen kein Interesse an einem Eingreifen hatten. Sie belegen auch die intensiven Bemühungen Papst Benedikts XV. und seiner Diplomatie zu Gunsten der Armenier und lassen keinen Zweifel daran, dass die päpstlichen Interventionen an der unnachgiebigen Haltung und Beschwichtigungspolitik der Türken und ihrer Helfershelfer scheiterten. Detailreich schildert Hesemann zudem die Vorgeschichte und die politischen und gesellschaftlich-religiösen Gegebenheiten im Osmanischen Reich, die zu dieser Verfolgung führten.

Aus den hier vorgelegten vatikanischen Dokumenten geht eindeutig hervor, dass es sich nicht nur um einen Völkermord an den Armeniern handelte, sondern zugleich um eine systematische Christenverfolgung, insofern auch gegen Christen anderer Konfessionen mit ähnlicher Brutalität vorgegangen wurde. Dass der Völkermord an den Armeniern zum Vorbild für den Holocaust wurde, wie Hesemann in der Einleitung und auch im Nachwort aufzeigt, ist wohl die schrecklichste Nachwirkung dieses größten Verbrechens in der Zeit um den ersten Weltkrieg. Parallelen zu aktuellen Ereignissen liegen auf der Hand. Niemand, der das Buch gelesen hat, kann es ohne tiefe Betroffenheit aus der Hand legen. (Hanns Sauter)