Buchbesprechung: „Hesychia”

Andreas Ebert / Carol Lupu (Hg.), Hesychia – das Geheimnis des Herzensgebets.
München: Claudius Verl. 2012, 288 Seiten.
ISBN 978-3-532-62430-2

Buchcover

Zu Beginn des 20. Jh. ist das Herzensgebet (Jesusgebet) vom christlichen Osten in den Westen gekommen; seitdem wird es dort von immer mehr Menschen geschätzt. Sein Ziel ist, durch die oftmalige Wiederholung des Namens Jesus oder einer längeren Gebetsformel wie „Herr Jesus Christus, Sohn des lebendigen Gottes, erbarme dich meiner“, die im Atemrhythmus ausgesprochen wird, zur Herzensruhe (Hesychia) und damit zur jener Gotteserfahrung zu finden, die die hesychastische Tradition „Gotteschau“ nennt und mit der Erfahrung des Taborlichtes gleichsetzt. Für zahlreiche heutige Menschen in das Jesusgebet ein Gegengewicht zu Lärm, Stress und Hektik und ein Weg zum Wesentlichen des Lebens.

Im vorliegenden Sammelband geben bekannte spirituelle Lehrmeister, Wissenschaftler aus Ostkirchenkunde und Religionswissenschaft sowie Beterinnen und Beter einen vielfältigen Einblick in diesen geistlichen Weg. Der erste Teil des Buches handelt von persönlichen Erfahrungen. Bekannte Spirituale wie Emmanuel Jungclaussen, Franz Jalics und Richard Rohr sprechen hier über ihre Zugänge. Besonders erwähnt sei aus diesem Teil der spannend zu lesende Beitrag „Mit dem Jesusgebet als Pilgerin unterwegs“. Eine evangelische Pfarrerin schildert darin die Stationen ihres Weges zum Jesusgebet: eine Auszeit in einer evangelischen Schwesterngemeinschaft, das Mitleben in einem griechischen Frauenkloster, den Aufenthalt bei den Benediktinern von Niederaltaich (im Buch irrtümlich bis hin zur Liste der Internet-Links nach der Schreibweise der politischen Gemeinde „Niederalteich“!) und zuletzt das Gehen eines längeren Pilgerwegs. Im zweiten Kapitel „Wissenschaftliche Vertiefung“ befasst sich Martin Tamke unter der Überschrift „Das Herzensgebet von seinen Ursprüngen in der Orthodoxie bis zu seiner Rezeption im Westen“ auch mit der Frage, die zahlreiche spirituell suchende Menschen bewegt, inwieweit es möglich und legitim ist, spirituelle Wege anderer geistlicher Traditionen zu übernehmen ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, eine Privatspiritualität zu schaffen. Weitere Autoren dieses Kapitels befassen sich mit erkenntnistheoretischen und religionsvergleichenden Überlegungen. Im dritten Teil geht es um die konkrete Gebetspraxis. Als Beispiel für alle Texte sei hier die spannend-tiefsinnige Erzählung „Das Herzensgebet nach Starez Seraphim vom Berge Athos“ von Jean-Yves Leloup genannt.

Das Buch spiegelt die Vielschichtigkeit der Gebetsform „Herzensgebet“ in ihrer Spannung zwischen uralter Praxis und Tradition einerseits sowie als Möglichkeit eines geistlichen Weges für heute. Es vermittelt in gleicher Weise Grundkenntnisse, aber auch Hintergrundwissen, persönliche Erfahrungen sowie Anleitungen für das Gebetsleben. Seine gute Lesbarkeit und der bewusste Verzicht auf ausführliche wissenschaftliche Apparate kommen den Bedürfnissen eines breiten Interessentenkreises entgegen. Alle Leserinnen und Leser unseres Rundbriefes seien nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht.
(Hanns Sauter)