Aus dem Rundbrief 2013/2

Liebe Freunde des Andreas-Petrus-Werks!

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Die Reise von Papst Paul VI. nach Israel und Jordanien Anfang Jänner 1964, also während des Zweiten Vatikanischen Konzils, hat vor allem durch die zweimalige Begegnung mit dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I. in Jerusalem Geschichte geschrieben. Dass die nicht geringen Hindernisse auf beiden Seiten überwunden werden konnten und die Begegnung tatsächlich zustande kam, die 1965 zur Aufhebung des seit 1054 bestehenden gegenseitigen Bannes führte und eine neue Ära in der Beziehung zwischen dem Ersten und dem Zweiten Rom einleitete, ist zweifellos vor allem dem Charisma der beiden Kirchenführer zu verdanken.

Um die Ereignisse vor 50 Jahren kurz Revue passieren zu lassen: Nach einem dichten Besuchsprogramm auf israelischem Staatsgebiet (Nazaret, Kana, Tabgha, Kafarnaum, Berg der Seligpreisungen, Berg Tabor) passierte Papst Paul VI. um 18 Uhr des 5. Jänner 1964 am Mandelbaumtor in Jerusalem die Grenze nach Jordanien. In der Sommerresidenz von Patriarch Benediktos auf dem Ölberg gingen die Oberhäupter der Kirchen von Rom und Konstantinopel aufeinander zu und umarmten einander wie Brüder, die sich sehr lange – seit dem Konzil von Florenz im Jahr 1439 – nicht mehr gesehen hatten. Papst Paul VI. brachte es in seiner Ansprache auf den Punkt: Es war Jerusalem, die Stadt, in der das Kreuz Christi aufgerichtet ist, die den beiden Pilgern aus Rom und Konstantinopel den Weg zu diesem Treffen geebnet hat.
Am nächsten Tag, dem 6. Jänner, kam es zur zweiten Begegnung auf dem Ölberg. Patriarch Athenagoras war diesmal der Gastgeber und erwartete den Papst nach dessen Besuch in Betlehem. Penibel wurde im Protokoll darauf geachtet, dass die zwei Repräsentanten ihrer Kirchen einander „auf gleicher Augenhöhe“ begegneten. Abwechselnd lasen sie, der Patriarch in griechischer und der Papst in lateinischer Sprache, die Abschiedsreden aus dem Johannesevangelium, beteten gemeinsam das Vaterunser und erteilten am Schluss gemeinsam den Segen.

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Begegnung von Patriarch Athenagoras I. und Papst Paul VI. in Jerusalem am 5./6. Jänner 1964

Das Startsignal für den „Dialog der Liebe“ war gegeben. Die offiziellen Stellungnahmen, vor allem aber die konkreten Gesten der Versöhnung machten deutlich, dass eine neue Ära im Miteinander der Kirchen in Ost und West angebrochen ist: Im Jahr nach der Begegnung in Jerusalem traf in Rom jene Andreas-Petrus-Ikone ein, die im Plenarsaal der ROACO die Erinnerung an dieses Ereignis wachhält und auch unserem Hilfswerk für die Ostkirchen den Namen gegeben hat. Am 7. Dezember 1965 wurde in einer feierlichen Zeremonie in Rom und Konstantinopel der 1054 ausgesprochene gegenseitige Bann aufgehoben. Am 25. Juli 1967 besuchte Papst Paul VI. den Ökumenischen Patriarchen, der diesen Besuch am 28. Oktober 1967 erwiderte.

Für diesen Rundbrief ist das 50-Jahr-Jubiläum Anlass und Gelegenheit, sich dem „Phänomen“ Jerusalem zu nähern, das zugleich unerschöpfliche Quelle der Inspiration und Impuls zu kritischer Reflexion ist. Mir ist bewusst, dass es nur ein kleiner Ausschnitt dessen ist, was zu diesem Thema (und zu anderen Themen) zu sagen wäre. Andererseits sind es nicht die „vielen“ Worte, die die Musik machen, sondern der Zusammenklang! In diesem Sinn zum Schluss ein wahrhaft „großes“ Wort: DANKE!

P. Gottfried Glaßner OSB

Foto: Dr. Armin Ader, Dortmund-Eichlinghofen

Relief von Angelo Biancini (1911–1988), Vatikan. Biancini hat sich seit dem Eintritt ins „Istituto d’Arte per la Ceramica“ in Faenza (1942) vor allem der Keramikkunst gewidmet und diese nachhaltig geprägt. U.a. sind auch die in die Fassade der Verkündigungsbasilika in Nazaret eingelassenen Reliefs (1959) sein Werk.
(Foto: Dr. Armin Ader, Dortmund-Eichlinghofen)