Äthiopien – Schritte zur Versöhnung am Horn von Afrika

Bei der auf Initiative des katholischen Erzbischofs von Addis Abeba, Kardinal Berhaneyesus D. Souraphiel, zustande gekommenen Konferenz wurden – unter wesentlicher Beteiligung von „Pro Oriente“ – die beiden historischen Entwicklungen analysiert, die bis heute die Beziehungen von römisch-katholischer und äthiopisch-orthodoxer Kirche überschatten: Die Unionsversuche des 16./17. Jahrhunderts und die Haltung der katholischen Kirche zum Eroberungskrieg Mussolinis im 20. Jahrhundert. Dabei geht es um den katholischen Versuch im 16./17. Jahrhundert, die äthiopische Kirche in eine Union mit Rom zu bringen, nachdem dank portugiesischer Unterstützung der Überfall des islamistischen Warlords Ahmed Granj („der Linkshänder“, 1506-1543), der Äthiopien unterjochen und islamisieren wollte, abgewehrt werden konnte. Im Hinblick auf das 20. Jahrhundert wiederum wird der katholischen Kirche vorgeworfen, den Eroberungskrieg Benito Mussolinis gegen Äthiopien (Oktober 1935 bis Mai 1936) unterstützt zu haben. Präsident Kloss und der Salzburger Ostkirchenexperte Prof. Dietmar W. Winkler – der unter dem Titel „Auf dem Weg zu Versöhnung und Einheit“ in Addis Abeba eines der zentralen Referate hielt – waren zum Abschluss Gäste des äthiopisch-orthodoxen Patriarchen. Dabei wurde deutlich, dass man in Addis Abeba sehr daran interessiert ist, der 2016 von einer österreichischen Delegation unter Leitung von „Ökumene-Bischof“ Manfred Scheuer überbrachten Einladung von Kardinal Christoph Schönborn so bald wie möglich zu entsprechen.

Abiy Ahmed

Der äthiopische Regierungschef Abiy Ahmed versprach bei seinem Amtsantritt am 2. April 2018 Versöhnung und legte ein Rekordtempo an den Tag: Er traf sich im Juli 2018 mit dem eritreischen Präsidenten Isayas Afewerki in Asmara und schloss nach jahrzehntelanger Feindseligkeit Frieden mit Eritrea. Tausende politische Gefangene wurden freigelassen, verbotene Parteien wieder erlaubt und wichtige Reformen eingeleitet. Besonders hervorzuheben ist die auf seine Initiative hin erfolgte Versöhnung zwischen dem nach dem Machtwechsel 1991 abgesetzten Patriarchen Abune Merkurios, der in den USA eine eigene äthiopisch-orthodoxe Exilskirche gründete, und Patriarch Mathias. Auf der Washingtoner Versöhnungskonferenz Ende Juli 2018 war „gemeinsam mit den Anstrengungen von Ministerpräsident Ahmed Abiy“, wie es im Abschlussdokument heißt, der Durchbruch gelungen. Am 4. August wurde die Beendigung des Schismas in Addis Abeba mit einem großes Fest besiegelt.

Leider wechselten in der Folge Dur- und Moll-Töne in Äthiopien einander ab. Im Oktober gab es Freude über die Verleihung des Friedens-Nobelpreises an den äthiopischen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed, der durch sein Versöhnungswerk zum Hoffnungsträger für den Vielvölkerstaat Äthiopien und ganz Afrika geworden ist. Aber schon wenige Tage nach der Überreichung des Preises kam es zu schweren Konflikten, die mit der Umgestaltung des früher zentralistisch verwalteten Äthiopien in einen Bundesstaat zusammenhängen: Ausgerechnet in Oromia, der Heimatregion von Abiy Ahmed, ereigneten sich blutige Konflikte, die zahlreiche Todesopfer forderten. Die Auseinandersetzung betrifft auch die äthiopisch-orthodoxe Kirche. Im Jänner kam es beim Timkat-Fest („Taufe Jesu“) in somalisch dominierten Regionen wie Harar und dem Ogaden zu Übergriffen auf orthodoxe Gläubige und Gotteshäuser. Bei einer Sondersitzung des Heiligen Synods im Februar wurden kirchliche Exponenten der separatistischen Bewegung von Oromia suspendiert, außerdem wurden die Sicherheitsbehörden zum besonderen Schutz der beiden bedeutendsten Klöster Debre Libanos und Zeqala aufgefordert, die Zielscheibe von Drohungen waren.

Äthiopien Konferenzbild

Alfons M. Kloss, Präsident von Pro Oriente, und Prof. Dietmar W. Winkler in der Konferenzhalle in Addis Abeba.

Trotz dieser Moll-Töne bedeutete die Versöhnungskonferenz von Addis Abeba im Mai des Vorjahrs einen „Quantensprung“ in den Beziehungen zwischen römisch-katholischer und äthiopisch-orthodoxer Kirche. Pro Oriente-Präsident Kloss verweist darauf, dass bei der Konferenz ausdrücklich beschlossen wurde, die Arbeit zur historischen Klärung der „Verwerfungen“ im Verhältnis von äthiopisch-orthodoxer und römisch-katholischer Kirche durch eine „Steering group“ fortzusetzen. Dies könne ein erster Schritt im Hinblick auf eine „Kommission für eine ge­meinsame Interpretation der äthiopischen Kirchengeschichte“ sein, die Prof. Winkler in seinem Referat angeregt hatte. Eine solche Kommission müsse vor allem von orthodoxen und katholischen Historikern und Theologen aus Äthiopien getragen werden, die auch durch „Wissenschaftler von außen“ unterstützt werden könnten. „Pro Oriente“ habe Erfahrung mit solchen Initiativen, etwa im Hinblick auf die Position von kroatischen Katholiken und serbischen Orthodoxen in den Jugoslawien-Kriegen der 1990er-Jahre oder im Zusammenhang mit den Studien über die Kirchenunionen in Rumänien und der Ukraine. Neben wissenschaftlichen Kenntnissen benötige eine solche Kommission vor allem „Geduld, Ausdauer, gemeinsames Verständnis und den Willen zur Versöhnung“, so Prof. Winkler.

Äthiopien: Besuch bei Patriarch Mathias

„Wir freuen uns auf den Wien-Besuch des äthiopisch-orthodoxen
Patriarchen Mathias I.“ Mit diesen Worten umreißt Pro Oriente- Präsident Alfons M. Kloss eines der greifbaren Ergebnisse der bahnbrechenden katholisch-orthodoxen Versöhnungskonferenz, die von 1. bis 3. Mai 2019 in Addis Abeba stattfand (das Foto entstand im Rahmen der Audienz von Dr. Kloss und Prof. Winkler bei Patriarch Mathias I. am 3. Mai 2019). Der Besuch von Patriarch Mathias I. wird heuer stattfinden.

Prof. Winkler habe in Addis Abeba deutlich herausgearbeitet, dass der ökumenische Dialog nicht nur „isoliert theologisch“ gesehen werden dürfe, ebenso wichtig sei der Kontext der „nichttheologischen Faktoren“ wie gegenseitige Besuche, vertrauensbildende Maßnahmen, Beachtung des wechselnden historischen und politischen Kontexts, so Präsident Kloss. Das letzte Ziel der völligen Einheit sei nicht durch einen „linearen Prozess theologischer Diskussionen und gemeinsamer Kommuniques“ erreichbar, sondern hänge auch von sehr praktischen Errungenschaften auf lokaler und regionaler Ebene ab. Mit Recht habe Prof. Winkler darauf hingewiesen, dass es einen dringenden Bedarf nach ökumenischen pastoralen Lösungen „vor der Entdeckung der vollen Gemeinschaft“ gebe. In diesem Sinn sei auch das Plädoyer des Salzburger Ostkirchenexperten für ein lokales „Äthiopisches Ökumenisches Konzil“ zu verstehen, um zu ergründen, wo gemeinsames Zeugnis und pastorale Zusammenarbeit möglich sind, „oder um zumindest einander besser kennen zu lernen“.

Kardinal Berhaneyesus D. Souraphiel

Prof. Dietmar W. Winkler und Alfons M. Kloss, Präsident von Pro Oriente, mit Kardinal Berhaneyesus D. Souraphiel.

Als wesentlich für den Erfolg der Konferenz in Addis Abeba bezeichnete der Pro Oriente-Präsident die Präsenz von Erzbischof Silvano Tomasi (der viele Jahre Apostolischer Nuntius in der äthiopischen Hauptstadt war, ehe er bis zu seiner Emeritierung Vertreter des Heiligen Stuhls bei der UNO in Genf wurde) und von Erzbischof Cyril Vasil’, dem damaligen Sekretär des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen. Alle seien sich einig gewesen, dass die „Heilung der historischen Wunden“ von größter Bedeutung sei und dass sich vor der Versöhnung der „Wille zur Wahrheit“ durchsetzen müsse. (Erich Leitenberger)