2015 – ein Jahr im Zeichen des Gedenkens an den Genozid 1915

(aus: Rundbrief 2015/2)

Genozid-Gedenkstätte Cicenakaberd, Foto: Gottfried Glaßner OSB

Genozid-Gedenkstätte Cicenakaberd, Foto: Gottfried Glaßner OSB

„Vergeben, nicht vergessen“, sagte Kardinal Christoph Schönborn im ökumenischen Gottesdienst im Stephansdom am 24. April 2015. – Das Jahr 2015 stand und steht im Zeichen weltweiter Gedenkfeiern, um den geschätzten 1,5 Mio armenischen Opfern osmanischer Massaker und Todesmärsche nach 100 Jahren wieder Stimme zu verleihen und die Welt den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts, den von der offiziellen Türkei verdrängten und verleugneten, nicht vergessen zu lassen, der eigentlich schon mit dem Ende des 19. Jahrhunderts durch die repressive Politik Abdul Hamids und den großen Massakern in Anatolien 1894–1896 und Adana 1908 seinen traurigen Anfang genommen hatte und dann am 24. April 1915 mit der Verhaftung und Hinrichtung von armenischen Dichtern, Künstlern und Vertretern der Intelligenz seinen Anfang nahm.

Die im Mai 1915 einsetzenden Deportationen folgten demselben Muster: Entwaffnung und damit Ausschaltung der wehrfähigen Männer, Liquidierung der lokalen Führung, Enteignung, Todesmärsche und Hinrichtungen. Daneben Vergewaltigung, Kindes- und Frauenraub, Zwangsislamisierung. Viele erlagen den unmenschlichen Strapazen von Märschen durch die syrische und mesopotamische Wüste. Viele wählten den Freitod. Wer das in Ostsyrien am Euphrat gelegene Deir Ez-Zor erreichte, war im ersten Konzentrationslager der Geschichte angelangt und sah einem qualvollen Tod entgegen. Nur einigen gelang schon früh genug die Flucht in das damals noch zum russischen Zarenreich gehörende ostarmenische Siedlungsgebiet, oder sie wurden von den internationalen Hilfsorganisationen im Osmanischen Reich gerettet und von diesen nach Aleppo, Damaskus und andere Städte der Levante gebracht. Die Überlebenden verstreuten sich in alle Himmelsrichtungen.

Aghet, Katastrophe, oder Mec Eghern, das große Verbrechen, nennen die Armenier den Völkermord, den die Türkei bis heute nicht eingesteht und in ihrer Geschichtsschreibung einfach ignoriert bzw. als „kriegsbedingte Sicherheitsmaßnahme“ abzuschwächen versucht. Was hier uneingestanden und ungesühnt stehen bleibt und das Leid, ja Trauma, der Überlebenden prägt und noch bestärkt, ist nicht mehr und nicht weniger als die gezielte Ausrottung eines ganzen Volkes, die Vernichtung seiner Kulturgüter, seiner Kirchen und Klöster. Viele Armenier tragen noch immer Ohnmacht und Zorn gegenüber der Türkei tief in sich, viele haben alles verdrängt, aber viele haben auch tatsächlich vergeben und stehen der heutigen türkischen Generation keineswegs feindlich gegenüber.

Umso wichtiger sind die Gedenkfeiern – in Armenien, in der armenischen Diaspora, aber auch bei den Schwesterkirchen und durch Staaten und Volksvertretungen. Wie andere Länder erkannte auch Österreich die Massaker der Jungtürken 2015/16 an den Armeniern als Genozid an. Von besonderer Bedeutung war die Äußerung von Papst Franziskus im Rahmen der offiziellen Gedenkmesse in Rom und die eindeutige Bezeichnung als Völkermord sowie – als Reverenz vor der armenischen Kirche – die Erhebung des armenischen Nationalheiligen Gregor von Narek zum 36. römisch-katholischen Kirchenlehrer.

Auch die Teilnahme von Staats- und Kirchenoberhäuptern der ganzen Welt an den offiziellen Gedenkfeiern am 24. April in der Genozidgedenkstätte Cicernakaberd in Jerevan hat deutliche politische Zeichen gesetzt. Einen Tag zuvor hatte das Oberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche, Katholikos Karekin II. die Opfer des Völkermordes als Märtyrer heiliggesprochen. Die religiöse Dimension des Völkermordes sollte mit dieser theologisch nicht ganz unumstrittenen „Massenheiligsprechung“ betont werden. Im libanesischen Byblos wurde im Juli das weltweit zweite armenische Genozidmuseum im ehemaligen Waisenhaus „Vogelnest“ durch den kilikischen Katholikos Aram I. eröffnet, zum Gedenken an die vielen armenischen Waisenkinder, die hier vor dem großen Verbrechen Zuflucht gefunden hatten. Und in vielen Städten der Welt gab es Gedenkmessen, Gedenkmärsche und Veranstaltungen. Am berührendsten der Trauermarsch der Tausenden durch Istikal Caddesi in Istanbul. „Wir sind alle Armenier“ und „Der Völkermord dauert an“ war auf zahlreichen Transparenten in armenischer, türkischer und englischer Sprache zu lesen.

Vergeben, nicht vergessen? – Armenier, die vor 100 Jahren Zuflucht und Schutz in Syrien oder im Irak gefunden hatten, werden nun dort wieder verfolgt und vertrieben, armenische Kirchen dem Erdboden gleichgemacht. Im September 2014 zerstörten IS-Terroristen die armenische Gedenkstätte in Deir Ez-Zor. Wie soll vergeben möglich werden, wenn der Genozid gezielt dem Vergessen anheim gegeben wird?


Jasmine Dum-Tragut

Jasmine Dum-Tragut

Jasmine Dum-Tragut, geboren 1965 in der Weststeiermark, ist die einzige in Österreich habilitierte Armenologin. Sie lehrt und forscht an der Universität Salzburg. U.a. leitet sie die Abteilung für Armenische Studien am Zentrum zur Erforschung des Christlichen Ostens (ZECO). Sie arbeitet vorwiegend interdisziplinär und versucht, armenische Studien mit Sprachwissenschaften, Philologie, historischen Wissenschaften, Theologie, selbst Archäologie und Veterinärmedizin zu verweben.

Im Rahmen ihrer bisherigen Forschungen über die armenische Sprache und ihre Dialekte hat sie sich beispielsweise den Armeniern in Jerusalem und deren einzigartigem Dialekt gewidmet. 2015 rückte anlässlich der Gedenkveranstaltungen zu den tragischen Ereignissen vor 100 Jahren die Aufarbeitung des Völkermordes an den Armenien in den Vordergrund. Aktuelle Forschungsprojekte gelten zum einen den Tonaufnahmen armenischer Kriegsgefangener des Jahres 1915 aus dem k.u.k. Gefangenenlager Reichenberg und der Problematik der Sprachbewahrung des Armenischen im Nahen Osten, zum anderen der Übersetzung und Interpretation einer rätselhaften armenischen Pferdehandschrift und deren wissenschaftlichen Tradierung im gesamten frühneuzeitlichen Nahen Osten sowie im Kaukasus.
Im theologisch-armenischen Forschungsbereich versucht sie derzeit, die Geschichte armenischer Nonnenklöster neu zu schreiben, indem sie den Spuren armenischer Nonnen nachgeht, die im Südarmenien des 17. und 18. Jahrhunderts dem Klosterwesen für einige Jahrzehnte eine letzte Blütezeit bescherten. Diese Nonnen waren hochgebildet und unterhielten auch ein Skriptorium, in dem sie wertvolle Handschriften kopierten und sogar illuminierten. Ihre Geschichte und ihr Beitrag zur klösterlichen Kultur Armeniens, die im 19. Jahrhundert völlig zum Stillstand gekommen ist, wird nun neu erforscht und dokumentiert. Mehr darüber wird in dem 2016 erscheinenden Band zum armenischen Mönchtum, hrsg. von Dietmar Winkler und Jasmine Dum-Tragut, zu lesen sein.